| | Textproben Vorgeschichte und Danksagung / Inhaltsangabe / Einleitung _________________________________________________________________________________
Vorgeschichte und Danksagung
Diese philosophische Arbeit konnte verwirklicht werden dank eines dreijährigen Graduiertenstipendiums der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein wichtiger Teil der Unterstützung war ideeller Art, denn ohne das in dieser Förderung mitgeteilte Vertrauen hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, ein so umfangreiches und komplexes Projekt in Angriff zu nehmen. Eine erste Fassung, in welcher ich die Form des politischen Urteils unter dem faszinierenden Titel Kritik der Form in einer abstrakten Weise untersuchen wollte, die noch den jungen Hegel beeindruckt hätte, ließ ich fallen, um einen stärker historisch und sozialwissenschaftlich geerdeten Ansatz zu wählen. Ich habe das zuerst sehr bedauert, denn ich hatte diesen neuen Weg doch nur deshalb eingeschlagen, weil ich feststellen musste, dass niemand verstand, was ich eigentlich vorhabe. Doch dann machte mir die Sammlung und Neuordnung des reichen Materials aus dem 18. Jahrhundert und die Fundierung meiner philosophischen Thesen darauf so viel Freude, dass die Zeit der Niederschrift meiner Dissertation zwischen Sommer 1995 und Frühjahr 1996 eine der schönsten meines Lebens wurde.
Diese Arbeit ist geprägt von dem Eindruck der persönlichen Begegnungen mit dem inzwischen verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann. Die Aufgeschlossenheit und Kreativität dieses Mannes hatte mich davon überzeugt, dass ich mich mit dem Theoriedesign seiner Systemtheorie gründlich beschäftigen muss. Ich entwickelte mit ihrer Hilfe den Ehrgeiz, eine Grundlage für die politische Philosophie zu schaffen, die sie endlich unabhängig macht von der Moralphilosophie, den Staatstheorien und den Klugheitslehren.
Ich habe nicht wenigen Freundinnen und Freunden für ihre Unterstützung zu danken. Astrid von Lühe hat mir mit ihrer kritischen Lektüre des historischen A-Teils und mit ihrem enthusiastischen Zuspruch zur rechten Zeit sehr geholfen; außerdem hat mich das Manuskript ihres Artikel für das Historische Wörterbuch der Philosophie über den sensus communis zu einem ganzen Kapitel (A.2.3) angeregt. Sven Murmann hat mich gewissermaßen mit dem von ihm geprägten Ausdruck "Politische Subjektivität" beschenkt. Er dachte nämlich bereits 1992 daran, eine wissenschaftliche Arbeit unter diesem Titel zu schreiben, hat sich dann aber für ein anderes Projekt entschieden (Demokratische Staatsbürgerschaft im Wandel. Über die Zugehörigkeit zum Politischen System in Zeiten pluraler gesellschaftlicher Mitgliedschaften, Würzburg 2000). Mein Freund Michael Schefczyk hat jahrelang die Entwicklung des vorliegenden Gedankens mit kritischen Fragen und Prüfungen begleitet und als exzellenter Kant-Kenner meine Gedanken geschärft. Sonja Hegasy hat mir die faszinierenden Schriften des marokkanischen Philosophen Mohammed Abed Al-Jabri zugänglich gemacht, der ein Konzept politischer Subjektivität als islamische Kulturkritik entwickelt hat, in dem ich wichtige Resultate meiner eigenen Forschung bestätigt finden konnte (Kapitel B.1.8). Mirjam Schaub erschloss mir in unseren gemeinsamen Kant- und Bergson-Symposien die Probleme der bisherigen philosophischen Zeit-Therorien und brachte mich darauf, dass ein politisches Subjektivitätstheorem keinesfalls zeitneutral sein kann (Kapitel B.1.7.2.3). Gabriela und Alexander Roth haben schließlich mit unbestechlichem Regelbewusstsein das Manuskript korrigiert und wesentlich zur Verbesserung des sprachlichen Stils beigetragen.
Danken möchte ich auch meinen Studenten am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, mit denen ich, im Rahmen eines Lehrauftrags, meine Dissertation noch im Stadium einer work in progress während des gesamten Wintersemesters 1994/95 diskutieren durfte.Ich widme dieses Buch einem großen Kosmopoliten, dem kolumbianischen Philosophen, Politiker, Stierzüchter, Diplomaten, Mäzen und Gründer der Anden-Universität in Bogotá, Mario Laserna. Dieser Gelehrte, einer der ersten Doktoranden von Dieter Henrich, ein langjähriger Brieffreund von Albert Einstein und John von Neumann, der sein Leben lang Geist und Tat zu verbinden wusste, hat mich gelegentlich seiner Lehrtätigkeit 1988 am Münchener Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft in die Lektüre der Kantischen Werke eingeführt. Dabei hat er mir vor allem die Naturphilosophie und die Erkenntnistheorie darin erschlossen. Anstatt mich zu ermutigen, zwischen den Zeilen zu forschen, hat er mir den Reichtum gezeigt, der ganz unverborgen in den Zeilen der Kantischen Texte liegt. Ich hoffe, dass die Anwendung dieser hermeneutischen Regel das Buch, welches ich ihm widmen möchte, vorteilhaft geprägt.
Mario Laserna und Albert Einstein 1952 in Princeton, als Laserna Gründungskapital für die Anden-Universität in Bogotá sammelte
© Politische Subjektivität von Reginald Grünenberg ______________________________________________________________
Inhaltsangabe
Einleitung
A. Die Entstehung einer politischen Trias 1. Die Entwicklung des Individualismus im Kraftfeld der bürgerlichen Revolutionen 1.1. Erste Etappen in der Geschichte von Subjektivität und Individualität 1.2. Die erste Analytik des Individuellen (Philosophie) 1.3. Die Erziehung des Individuums (Pädagogik) 1.4. Das Individuum auf den Märkten (Ökonomie) 1.5. Das Individuum in Sozial- und Herrschaftsverträgen (Recht) 1.6. Das Individuum im Krieg
2. Die Entwicklung der Ästhetik zur Wissenschaft des Geschmacks 2.1. Klassizismus, Empfindsamkeit und englische Ästhetik 2.2. Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis und Kritik des ästhetischen Subjekts 2.3 Die Verbindung von Ästhetik und Politik: Der sensus communis
3. Öffentlichkeit als ästhetische und politische Kommunikation im 18. Jahrhundert 3.1. Fragmente einer Theorie der Öffentlichkeit 3.2. Neue Formen der Öffentlichkeit und ihre Einübung in der sozialen Praxis 3.2.1 Publikum und Autoren im Medium der Sprache 3.2.2 Presse, Literatur und Lesegesellschaften
B. Politische Subjektivität als Grund des Politischen
1. Reflexionsvermögen und politisches Urteil Kants Kritik der Urteilskraft (KdU) 1.1 Vorbereitung I - Rezeptionsgeschichte der KdU 1.2 Vorbereitung II - Skizze der KdU und Definition der reflektierenden Urteilskraft 1.3 Von Kants Methode zur Kontramethode - Die "Rückmischung" reiner Urteilsformen 1.4 Transzendentale Natur und politisches Urteil - Das Prinzip der Urteilskraft im politischen Gebrauch 1.5 Figuren des Individuums - Individualität im Text der KdU 1.6 Politik in der Kritik Politische Beispiele und Themen in der KdU 1.7 Das politische Urteil 1.7.1 Die Deduktion der Einheit des politischen Urteils 1.7.2 Funktionen der Reflexionstypen Zwecke, Schönes und Erhabenes im politischen Urteil 1.7.2.1 Der Zweckbegriff - Ordnung und Individualität 1.7.2.2 Das Schöne - Moral und Recht 1.7.2.3 Das mathematisch Erhabene - Zeit und Körper 1.7.2.4 Das dynamisch-Erhabene - Macht 1.7.3 Öffentlichkeit und sensus communis politicus Strukturen des politischen Urteils 1.8 Praxis, Reflexion und Glauben - Moral, Politik und Religion im Spiegel der Urteilsanalyse 1.9 Exkurs I - Hypostasen der Identität Lokalisierung einer unerschlossenen Bewußtseinsphilosophie
2. Politische Qualität - Subjektphilosophische Rekonstruktion politischer Phänomene 2.1 Charisma 2.1.1 Klassiker der Sozialtheorie: Webers objektives Charisma 2.1.2 Die qualitative Wende: Subjektiv-politisches Charisma 2.2 Exkurs II - Ethnologische und kulturanthropologische Dimensionen politischer Subjektivität
3. Anschlußthemen 3.1 System- und Diskurstheorie 3.2 Politische Psychologie und Kognition 3.3 Politische Kommunikations- und Medientheorie 3.4 Frauenforschung und Geschlechteranthropologie 3.5 Politische Bildung
Zusammenfassung
Politik - Kulturelle Leistung und bedrohte Errungenschaft
Ausführlicher Glossar
© Politische Subjektivität von Reginald Grünenberg __________________________________________________________
Politische Subjektivität
Von der historischen Emergenz des Politischen zur philosophischen Untersuchung seiner Struktur in der "Kritik der Urteilskraft"
Einleitung
Eine Reihe politischer Ereignisse der jüngeren Vergangenheit haben die Bedeutung politischer Subjektivität wieder ins Rampenlicht gerückt. Von der deutschen Einheit mitsamt der vorausgegangenen Bürgerproteste in der DDR über den Zusammenbruch der Sowjetunion zur friedlichen Abschaffung der Minderheitenherrschaft Apartheid in Südafrika und schließlich zur unblutigen Palastrevolution 2000 in Belgrad - oder vom Massaker 1989 in China auf dem Platz Tiananmen über den ethnisch fanatisierten Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien zum islamistischen Terrorismus in Algerien: Im Guten wie im Schlechten gibt es viele Gründe und aktuelle Anlässe, sich wieder einmal Gedanken zu machen, welche geschichtsmächtigen Kräfte insgeheim am Werk sind, wenn Menschen als politische Subjekte versuchen, die öffentliche Ordnung der Rechte, der Sitten und der Güterverteilung zu bestimmen und zu verändern. Die politische Philosophie sollte sich dazu aufgefordert fühlen, endlich der drängenden Frage auf den Grund zu gehen: Was ist das Politische?
Doch die Zeit der einfachen Antworten ist vorbei. Wir wurden zu lange abgespeist mit trivialen und wenig plausiblen Definitionen des Politischen. In diesem Buch wird ein neues Niveau gesetzt, sowohl was die Fragestellung als auch die Antwort betrifft. Das Ziel ist eine neue Reflexionstheorie für die Politikwissenschaft. Der Ansatz, der hier entwickelt wird, ist so radikal neu, so gründlich und so unerhört komplex, dass die simplen Ideen und das alte Wissen von Politik wahrscheinlich das größte Hindernis zum Verständnis des Neuen sein werden, das hier zu entdecken sein wird. Zum ersten Mal wird nämlich deutlich, dass nicht nur Physik, Biologie und Mathematik höchst anspruchsvoll, kompliziert und schwer darstellbar sein können. Die Grundlagen der politischen Philosophie, die hier freigelegt werden, sind eine mindestens ebenso große Herausforderung für den Verstand und die Vorstellungskraft. Dafür beanspruchen die Ergebnisse eine vergleichbar universelle Gültigkeit wie die großen naturwissenschaftlichen Vorbilder. Ja, man könnte die nachfolgende Abhandlung - mit einem Augenzwinkern - auch als die erste Relativitätstheorie der Politik bezeichnen.
Für wen ist dieses Buch geschrieben? Das ist tatsächlich ein Problem, denn jene große Gruppe von Lesern, die über die Bildung und das nötige begriffliche Werkzeug verfügt, um dem hier zu entfaltenden Gedanken folgen zu können, ist doch aufgewachsen in der humanistisch-aristotelischen Tradition – und damit für dieses Unternehmen eigentlich verloren. Diese Traditionalisten können die Konsequenzen der folgenden Überlegungen kaum akzeptieren, denn hier wird eine philosophische Axt an die Wurzel ihres politischen Weltbildes gelegt, das doch immer nur ein moralisches war. Wir werden sehen, was für einen enormen Unterschied das macht.
Dann gibt es die Progressiven, die zwar über umfangreiche sozialwissenschaftliche und vielleicht sogar philosophische Kenntnisse verfügen, die aber im Gegensatz zu den Traditionalisten bereits völlig abgenabelt sind von der faszinierenden Geisteswelt und den subtilen Fragestellungen der abendländischen Metaphysik. Sie glauben an den linguistic turn und halten alle Probleme der Philosophie für Sprachprobleme. Oder sie glauben immer noch, die Vernunft selbst sei das größte Verbrechen der abendländischen Philosophie, wie die letzten Postermodernisten im Gefolge von Nietzsche, Heidegger und Foucault. Mit dieser simplen intellektuellen Ausrüstung werden sie unserem Aufstieg zu den gedanklichen Hochebenen von Leibniz, Baumgarten, Shaftesbury, Smith und Kant kaum folgen, geschweige denn diesen genießen könnnen.
Dann gibt es noch die Liberalen, insbesondere angloamerikanischer Provenienz. Zugegeben, sie haben ein wirklich ein gutes Argument. Denn sie werden fragen, wozu sie eigentlich all diese philosophische Haarspalterei brauchen. Es war doch ganz einfach, ein politisches Subjekt zu werden; ihre Vorväter und -mütter haben es doch gezeigt in den bürgerlichen Revolutionen. Das ist schon richtig. Doch ich behaupte, dass die Liberalen bis heute nicht verstanden haben, was damals wirklich passiert ist und wie das moderne freiheitlich-politische Denken tatsächlich entstanden ist. Die Liberalen nehmen die äußerlichen historischen Ereignisse jener Epoche, in denen sie noch erfolgreiche Revolutionäre waren, als einen Beweis für die universelle Gültigkeit des Liberalismus und bleiben bis heute in der philosophischen Begründung desselben auf geradezu frivole Weise oberflächlich. Das machen sie am liebsten mit moralphilosophischen Argumenten, die häufig naiv, lebensfremd oder schlicht kontrafaktisch sind. Erst wenn sie sich mit uns hier auf die Expedition begeben, um den wahren Ursprung ihres politischen Weltbildes zu finden und zu erforschen, wie groß die philosophischen Leistungen waren, die implizit in der revolutionären Praxis ihrer Gründer lag, erst dann werden die Liberalen den größten Fund ihrer Geschichte machen.
Das ist die paradoxe Herausforderung dieses Buches: Es ist dem Duktus, der Argumentationsführung und der Informationsdichte nach für gut ausgebildete Philosophen, Sozialwissenschaftler und anspruchsvolle Intellektuelle geschrieben; doch die meisten von ihnen werden daran scheitern. Deshalb richtet es sich insgeheim doch an den Wissensdurst junger Studenten, Forschergeister und Denker aller Couleur.
Offen gestanden kann ich mir auch gut vorstellen, dass die hier zu entwickelnde politische Philosophie zunächst gar nicht verstanden wird. Ich habe das an den Werken von einigen Autoren beobachtet, von denen hier die Rede sein wird. Wie viel Unsinn habe ich lesen müssen über die Werke von Immanuel Kant oder Niklas Luhmann! Die akademische Kommentarliteratur schafft es tatsächlich immer wieder, das ursprüngliche Werk komplett zu überwachsen und praktisch verschwinden zu lassen. Ich hoffe, dieses Schicksal wird meiner philosophischen Arbeit erspart bleiben. Deswegen ist die Antwort auf die Frage, für wen dieses Buch denn nun geschrieben ist, am Ende doch ganz einfach: für die Zukunft.
I.
Das menschliche Vermögen, verschiedene Formen des Zusammenlebens zu generieren, ist uns seit der Antike rätselhaft, als es seine Selbstverständ-lichkeit verlor. Das Politische hat deshalb die Aufmerksamkeit bedeutender Denker auf sich gezogen. Mit den philosophischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Begriffen, die ihnen zur Verfügung standen, haben sie versucht, bestimmte Ordnungen zum Inbegriff des Politischen zu machen. Das Politische war dabei ihre jeweils eigene politische Meinung als Substantiv oder Schema. Es ist vielleicht nur durch diesen Eigenbedarf der Theoretiker zu erklären, daß das Subjekt des Politischen nicht mehr sein durfte als ein zoon politicon, ein staatsbezogenes Tier. So konnte von der jeweils zu vertretenden Staatsordnung auf das Wesen zurückgeschlossen werden, daß sie zu tragen und zu ertragen hatte. Die innere Komplexität dieses Wesens wurde dabei regelmäßig ausgeblendet.
Die Reduktion von Komplexität war eine Spezialität des Soziologen Niklas Luhmann, dessen Arbeit hier in mehrfacher Hinsicht gewürdigt wird. Die Systemtheorie nach Luhmann hat immer versucht, spezifische Systeme und die sie tragenden Funktionen innerhalb einer Gesellschaft zu definieren, unabhängig vom Wollen und Handeln einzelner Individuen. In einigen Bereichen, wie z. B. in der „Wirtschaft der Gesellschaft“ oder insbesondere in der „Wissenschaft der Gesellschaft“ hat er mit diesem anti-anthropologischen Theoriedesign wichtige und anschlußfähige Ergebnisse erzielen können. Doch ausgerechnet in Die Politik der Gesellschaft[1] speist er uns mit einer Formel ab, die die Funktion des Politischen als das „Bereithalten der Kapazität zu kollektiv bindenden Entscheidungen“[2] konstruieren soll. Unter einem strikt soziologischen Gesichtspunkt mag diese Sichtweise konsequent und hinreichend sein. Das Phänomen des Politischen ist damit jedoch nur zu einem geringen Teil begriffen, weil die individuelle Leistung der Menschen, die tatsächlich in einem noch näher zu bestimmenden Sinne „politisch“ denken und handeln, von einer postulierten Systemleistung überdeckt und annulliert werden. Luhmanns Systemtheorie behandelt Menschen und Bürger als Systemtiere (zoon systematicon), deren psychische und philosophischen Innenhorizonte keine konstitutive Rolle für die Operation des politischen Systems spielen. Dabei ist gerade die Herausbildung einer – wie gesagt noch näher zu bestimmenden – „politischen“ Denk- und Handlungsweise zwischen Menschen extrem reich an Voraussetzungen.
Bis hin zu der Tatsache, dass es sogar alles andere als selbstverständlich ist, dass diese Staats- und Systemtiere einander als Menschen erkennen, wenn es sich um solche handelt. Ausgerechnet Menschen unterscheiden sich von den anderen Tiergattungen dadurch, dass sie sich untereinander nicht erkennen. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut hat diese Problematik zum Anlass für eine Gegenwartsanalyse genommen. „Für eine Katze ist eine Katze immer eine andere Katze. Ein Mensch hingegen musste stets bestimmte drakonisch Bedingungen erfüllen, um nicht schutzlos aus der menschlichen Welt getilgt zu werden.“[3] So betrachtet ist es evident, dass das Staatstier nur innerhalb seiner eigenen Polis (Gruppe, Clan, Stamm, Staat) Mensch sein kann und aus dieser Stellung heraus berechtigter Weise den Rest der ihm ähnlichen Naturwesen als Nicht-Menschen anzusehen. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss stellte anlässlich einer Rede vor der UNESCO fest, der Begriff der Menschheit, der ohne Unterschied der Rasse oder Zivilisation alles Lebensformen der Gattung Mensch einschließt, sei „ziemlich spät aufgekommen und sehr wenig verbreitet. Selbst da, wo er seine Ausbildung erfahren zu haben scheint, steht keineswegs fest – die jüngste Geschichte beweist es – dass er gegen Mehrdeutigkeiten und Rückbildungen gesichert ist.“[4] ____________________________________________________________ [1] Luhmann, Niklas, Die Politik der Gesellschaft, F. a. M. 2000. [2] ibid, S. 84. [3] Finkielkraut, Alain, Verlust der Menschlichkeit. Versuch über das 20. Jahrhundert, Stuttgart 1999, S. 13. [4] Lévi-Strauss, Claude Strukturale Anthropologie, Band II, F. a. M. 1975, S. 369. _____________________________________________________________
Man kann also Aristoteles, der diese antike und bis heute anerkannte Definition des politischen Subjekts als zoon politicon begründet hat, nicht einmal die empirische Bestätigung absprechen. Es war auch in der griechischen Polis tatsächlich so, dass das Wesen, das intra muros als Mensch zu betrachten war, außerhalb des Stadtstaates, ex urbe, ein zu jagendes Tier oder ein Barbar war. Nun sind wir heute, entsprechend unserer mehrtausendjährigen Tradition im jüdisch-christlichen Universa-lismus erheblich anspruchsvoller und wünschen uns einen Politikbegriff, der globaler ist und die Grenzen enger Gemeinschaften überschreiten kann. Außerdem fordern wir einen Politikbegriff, der nicht vom Staat und den bestehenden Ordnungen, sondern von uns als Individuen ausgeht.
Die Evidenz des eigenen politischen Wollens und Fühlens hat allerdings den Möglichkeitssinn betäubt, der gefragt hätte: Wie kann ich mir ein Urteil oder Gefühl dieser Art zumuten? Wir sind uns selbst zu nahe um zu bemerken, wie voraussetzungsvoll und komplex dieses uns alltägliche Vermögen ist. Es gibt eine Reihe historischer Indizien, die auf Fruchtbarkeit dieser Fragestellung schließen läßt, und eine philosophische Spur, auf die uns Hannah Arendt hingewiesen hat. Beides ist Kompass und Karte für eine Expedition in die Grundlagen der politischen Philosophie, weil wir wissen wollen, was es mit dem politischen Subjekt wirklich auf sich hat.
In der folgenden Untersuchung wird von einer historischen Ursprungssituation ausgegangen, die als idealtypisches Konstrukt den Beginn des Politischen im Europa der Neuzeit markieren soll. Dieser Ursprung des Politischen liegt in dem zeitlichen Zusammentreffen von drei geistes- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen, deren Wechselbeziehungen bisher kaum erforscht sind. Die drei Elemente dieser Konstellation, hier der Kürze halber "politische Trias" genannt, sind: 1.) die philosophischen und praktischen Konsequenzen des Subjektivitäts- und Individualitätsgedankens im Kraftfeld der bürgerlichen Revolutionen, 2.) die Ästhetik, als Theorie des Geschmacks, der Meinungswahrheit und des Gemeinsinns, sowie 3.) die neue soziale Kommunikationspraxis, die wir heute als "Öffentlichkeit" kennen. Die These dabei lautet, dass sich mit diesen simultanen Ereignissen eine historische Formation gebildet hat, die nur unter der Annahme der Wirkung eines speziellen, kulturgeschichtlich neuen und genuin politischen Urteilsvermögens erklärt werden kann. Weiterhin soll gezeigt werden, dass der Schlüssel zum Verständnis dieses neuen Vermögens in Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft liegt. Sobald Schlüssel und Schloss gefunden sind, ist der Weg frei zu dem, was hinter dieser Tür bisher verborgen lag: die Philosophie der politischen Subjektivität.
Diese Untersuchung ist ein Versuch des "Seiteneinstiegs" in die Anthropologie als politische Anthropologie, den Otfried Höffe ermutigt hat.[1] Das philosophische Modell des Politischen soll die Vergesellschaftung hier wieder vom Einzelmenschen ausgehend in den Blick bekommen. Im Hintergrund steht die bisher verneinte, jedoch in Wirklichkeit nur ungelöste Frage, ob und wie der konkrete, einzelne Mensch in der Theorie erscheinen oder besser noch: ihr Maß werden kann. In den Sozialwissenschaften dominiert seit längerem das metatheoretische Prinzip, daß menschliches Handeln nicht vom Individuum, sondern nur von den Systemen her als kollektives Kommunikations- und Funktionsereignis zu verstehen ist. Der Grundbegriff des Handelns wird kaum noch zurückgerechnet auf ein einzelnes Wesen oder Bewusstsein. Luhmanns Systemtheorie repräsentiert in diesem Zusammenhang nur die reinste und spektakulärste Form des sozialwissenschaftlichen Reduktionismus, der sich brüstet, den „alteuropäischen Humanismus“ als Theoriegrundlage hinter sich gelassen zu haben. Es wird hier zu zeigen sein, daß diese Grundlagen bei weitem nicht erschöpft sind und viel ungeborgenes Potential enthalten.
Auch an anderer Stelle regt sich der Widerstand gegen den sozialwissenschaftlichen Anti-Inidividualismus. Besonders augenfällig wurde das etwa 1996 im Streit um Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker, worin der Autor sich weigerte, weiterhin „Struktur-“ oder „Sozialgeschichte“ zu schreiben, und statt dessen auf die Motive einzelner Täter einging. Goldhagens Ansatz steht im Horizont einer im angloamerikanischen Raum inzwischen zu großer Bedeutung gelangten Methode der narrativen Geschichtsschreibung und der „dichten Beschreibung“ (Clifford Gertz). Den Ereignissen und Handlungen wird damit ein Moment genuin historischer Kontingenz zurückerstattet, das die hochdeterministischen oder krypto-teleogischen Struktur- und Entwicklungsmodelle völlig abzugleichen drohen[2]. Auch die Politikwissenschaft ist dieser handlungtheoretischen Verarmung ausgesetzt, da sie sich in ihrer Modellbildung in eine methodische Abhängigkeit von Soziologie und Ökonomie begeben hat. Herfried Münkler notierte folgende Beobachtung:
"Wenn denn zutrifft ..., daß nämlich weder die Rückführung der politischen Ordnung auf Modelle der Ökonomie oder Soziologie, noch die Einvernahme politischer Erwartungsdimensionen und Handlungsimperative in die Prinzipien einer universalistischen Ethik die gegenwärtig zu beobachtende Krise der westlichen Demokratien als Krise zu begreifen vermögen, so ist dies mehr als ein bloßer Fingerzeig, daß sich die Politikwissenschaft auf die genuine Eigenständigkeit ihres Gegenstandsbereichs zurückbesinnen muß."[3]
Dem läßt Münkler ein Plädoyer folgen, die tatsächlichen Erwartungen und Dispositionen der Bürger für sich genommen deskripitiv ernst zu nehmen und erst auf dieser Grundlage die Erörterung der normativen Zulässigkeit dieser Erwartungen anzuschließen. Anderenfalls laufe die Politikwissenschaft Gefahr, sich in der Erprobung einer Inflation kontrafaktischer Modelle und Ideale zu erschöpfen.
Die deskriptive Dimension politikwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung ist tatsächlich deutlich unterentwickelt. Allerdings nicht auf der quantitativen Seite, denn die empirische Datenbasis ist geradezu übersättigt. Es sind vielmehr die Instrumente zur Interpretation und sinnvollen Verbindung der erhobenen Daten, die überholt sind. Die traditio-nellen Mittel zur Erfassung der Merkmale, Eigenschaften und der eigen-tümlichen Interaktionen moderner politischer Subjekte sind erschöpft[4].
Sozial- und Politiktheorien stehen vor dem Problem, wie das Besondere zu Wort kommen kann in der Sprache der Wissenschaft, weil diese dem Besonderen das Wort nur dann erteilt, wenn es als ein Teil des schon bekannten Allgemeinen auftritt. Wenn nun das Besondere selbst, hier in Gestalt der Individualität und Politikfähigkeit von Menschen, in der Politologie wissenschaftlich untersucht werden soll, muß hier eine methodische Kehre durchgeführt werden, nämlich das Besondere als Besonderes in einer Analyse der subjektiven Fähigkeit zur Besonderung zu erörtern. Der wissenschaftliche Auftrag, allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu konstruieren, bleibt dadurch unberührt. _____________________________________________________________ [1] Höffe, Otfried, Wiederbelebung im Seiteneinstieg, in: ders. (Hrsg.), Der Mensch - ein politisches Tier? Essays zur politischen Anthropologie, Stuttgart 1992, S. 5-13, hier S. 9-10. [2] Vgl. hierzu als Beispiel Simon Schamas Studie Citizen. A Chronical of the French Revolution, N.Y. 1989, die bewußt die Grenzen zwischen Literatur und Geschichte überschreitet. Den Rückzug solcher handlungstheoretisch inspirierten Methoden in der Politikwissenschaft gegenüber funktionalistischen Ansätzen beschreibt Klaus v. Beyme ausführlich in Theorie der Politik im 20. Jahrhundert. Von der Moderne zur Postmoderne, F.a.M. 1991. [3] Münkler, Herfried, Die Moral der Politik. Politik, Politikwissenschaft und die sozio-moralische Dimension politischer Ordnung, in: Leggewie, Claus, Wozu Politikwissenschaft? Über das neue in der Politik, Darmstadt 1994, S. 228-242, hier S. 238. [5] Münkler, ibid., macht dies anschaulich am Beispiel der Sprachlosigkeit der Politikwissenschaft angesichts der seit spätestens 1990 öffentlich diskutierten "Politikverdrossenheit". Es gibt keinen fundierten und weiterführenden Beitrag von Politologen zu diesem Thema. ______________________________________________________________
II.
Es ist deutet sich schon an, daß ein solcher Ansatz ohne den Bewusstseins- und sogar den inzwischen wissenschaftlich kaum noch akzeptierten Vernunftbegriff nicht auskommen wird. Dieser Rückgriff auf ein als überholt geltendes philosophisches Instrumentarium wird nicht im Gestus der theoretischen Verlegenheit gemacht, sondern ist durchgehend affirmativ. Es soll versucht werden, die verschiedenen Arten des Denkvermögens und die Gestalten der Vernunft, wie Immanuel Kant sie in seinem kritischen System erarbeitet hat, im Laufe der Untersuchung und nach Maßgabe der jeweiligen Fragestellung an dem Material zu erproben, das uns als "politische Wirklichkeit" vertraut zu sein scheint. Eine Variation auf die Leitfrage könnte daher lauten: Wann, wo und auf welche Weise kann das historische Weltgeschehen als die Artikulation von individueller politischer Vernunft gedeutet werden und wie muss diese ihrerseits beschaffen sein?
Die Dominanz nach-metaphysischer Theorien, die alle subjektphilosophischen Bemühungen für gescheitert halten, wird hier berücksichtigt.[1] Da aber noch niemand die Autorität hat, ein allgemeingültiges und letztes Metaphysikverbot verbindlich zu machen, steht es weiterhin frei, mit dem schwierigen und voraussetzungsvollen Vernunftbegriff zumindest versuchsweise wichtige menschliche Zusammenhänge zu erklären.
Vernunft ist bekanntermaßen keine empirisch wahrnehmbare oder experimentell nachweisbare Substanz. Sie ist kein Gegenstand unter anderen in der physikalischen Welt. Dennoch, so meinte Kant, sei die Annahme eines übersinnlichen Vermögens nützlich und sogar notwendig. Nur ein solcher focus imaginarius, der außerhalb der sinnlich wahrnehmbaren Welt liegt, macht nämlich die Ordnung der Welt erkennbar – und zugleich die verschiedenen Vermögen der Subjekte selbst, solche Ordnungen zu erkennen und zu schaffen. Die gedachten Linien des bekannten Weltwissens wurden in der Transzendentalphilosophie über die physikalische Welt hinaus verlängert, um das Vermögen zu erforschen, das die Bedingungen zu diesem Weltwissen enthält[2]. Kant wollte das Erkenntnisvermögen selbst erkennen, und zwar innerhalb dessen Grenzen. Ganz ähnlich wird hier verfahren, denn es geht nicht darum, das substantivierte Politische wie ein Etikett als Eigenschaft an Gegenständen oder Ereignissen zu suchen. Vielmehr sollen die Linien über die empirische Welt hinaus zu dem Vermögen gezogen werden, das uns die Dinge der Welt als politisch erkennen und verstehen läßt. Dieses Vermögen nimmt die politische Qualität von Dingen und Ereignissen nicht passiv in sich auf, sondern bringt diese erst hervor. Kant bezeichnete diese Einsicht als eine "kopernikanische Wende". Der Grund der Erkenntnis des Objekts muß in der Erkenntnisfähigkeit des Subjekts untersucht werden. Die vorliegende Untersuchung wird versuchen, diesen Weg noch einmal fruchtbar zu machen für die politische Philosophie. Kants großes Werk über Ästhetik und Teleologie, die Kritik der Urteilskraft, wird dabei die Baustelle sein, auf der ein Fundament freizulegen ist, das der tragende Grund für eine neue Philosophie des Politischen sein wird.
Auf die Argumente, die bisher gegen eine weitere Verwendung der soge-nannten "Bewußtseinsphilosophie" oder "Subjektphilosophie" vorgebracht worden sind, wird in Kapitel 1.9 Hypostasen der Identität eingegangen. Es ist für die hier beabsichtigte Beweisführung nämlich nicht unerheblich in Erfahrung zu bringen, wie und warum dieser Weg bisher versperrt wurde. Es wird sich dabei zeigen, daß ein Konzept politischer Subjektivität keine der Errungenschaften von Diskurs- und Systemtheorie in Frage stellt. Vielmehr wird die Ergänzungsmöglichkeit dieser beiden dominierenden Ansätze der Sozialtheorie in Betracht gezogen. Es geht darum, ein bisher häufig beobachtetes Defizit an diesen beiden großen Theoriegebäuden durch ihre Komplementierung auf einem neuen Grund zu beheben. Dem „Ich“ muß gegenüber dem „Wir“ eine neue und faire philosophische Chance gegeben werden. ______________________________________________________________ [1] Vgl. Habermas, Jürgen, Nachmetaphysisches Denken. Philosophische Aufsätze, F. a. M. 1988. Der Begriff umfaßt über die Diskurstheorie hinaus die gesamte analytische Philosophie, den Strukturalismus, die Systemtheorie, die philosophische Hermeneutik und den Poststrukturalismus; vgl. hierzu dasSchema IV zur Genealogie der Subjektivitätstheorien in Kapitel B.1.9. [2] Vgl. die detaillierte und spannende Studie zu Kants perspektivisch- architektonischer Theorietechnik von Tassilo Eichberger, Die Architektur der Vernunft, Diss. 1996, München. ______________________________________________________________
III.
Die historische Beobachtung konzentriert sich auf Deutschland, weil der Prozeß dort die deutlichsten und tiefsten Spuren in der Literatur hinterlassen hat und sich zur systematischen Thematisierung anbietet. Keinesfalls ist das Deutschland des 18. Jahrhundert der Ursprung der politischen Moderne - bekanntermaßen ist eher das Gegenteil der Fall. In Deutschland sind die Elemente des Politischen, wie sie in der Trias vorgestellt werden, wesentlich stärker intellektualisiert worden als anderswo. Anstatt Individualität, ästhetische Kompetenz und Öffentlichkeit durch die Tat zu verwirklichen wie in Nordamerika, haben die Deutschen viele tiefsinnige Traktate geschrieben. Das ist endlich einmal ein Vorteil, weil diese abstrakte Vorgehensweise nun doch einen Einblick gewährt in die Fähigkeiten, die von denkenden Menschen verlangt werden, um diese Dinge des Politischen in praxi hervorzubringen und auch zu ertragen. Deshalb ist die hier vorgestellte politische Trias eine ästhetisch reizvolle Figur und keinesfalls ein metaphysisches Zeichen, das in die deutsche Geschichte eingeschrieben ist. Sie ist nur ein Zusammentreffen von Ereignissen, dessen ästhetische Gestalt gleichsam seine eigene systematische Darstellung erfragt. Diese Gestalt drängt sich dem interpretierenden Verstand geradezu auf und verspricht, daß die Klarheit ihres Umrisses auch noch von einer Bedeutung bewohnt wird, die schon lange auf eine ihr angemessene Hermeneutik wartet.
Quentin Skinner hat seine große Studie The Foundations of Modern Political Thought in der Renaissance beginnen lassen. Es ist wohl auch unbestreitbar, daß die neuen Formen der Staatsklugheit (Machiavelli), der politischen Wissenschaft (Hobbes) und der Kontrolle religiöser Konflikte (Toleranz, Souveränität) seit dem 16. Jahrhundert auf dem Vormarsch waren. Doch die Frage nach der politischen Subjektivität ist noch einmal etwas ganz anderes als die Frage nach der Genese dieser Ordnungskonzepte, die zur gefälligen Nachahmung und Inspiration für weltliche wie geistliche Fürsten entwickelt wurden, um ihre Staatsmaschinerien besser beherrschbar zu machen. Darin wirkt immer noch der alte, restriktive Sinn von Politik als Herrschaft mittels Tugendhaftigkeit, Gesetz und gegebenenfalls List. Die politische Trias, die hier beschrieben wird, entfaltet sich daher im 18. Jahrhundert, weil erst zwischen den bürgerlichen Revolutionen der Rahmen einer politischen Moderne geformt wurde, in dem auch die vorausgegangenen Errungenschaften der Renaissance und der Religionskriege wirksam eingespannt und von bürgerlichen politischen Subjekten verwirklicht werden konnten. Es geht also um die philosophische Analyse eines Denkvermögens, das den Übergang vom Untertan zum Bürger begleitet haben muss.
Nach der sozialen Aufhebung der Arbeiterklasse einiger Industrienationen in einer erweiterten Mittelschicht halten dort nun insbesondere Frauen die Erinnerung daran lebendig, wie steil der Weg zur historischen Realisierung ihrer politischen Subjektivität war – ein Weg, der vielerorts in der Welt auch heute noch nicht beschritten ist. Im 18. Jahrhundert kündigte sich dieser Aufbruch erst sehr vorsichtig an, womit nicht etwa der Katalog der Frauenrechte von Olymp de Gouges gemeint ist, sondern nur das sich ausbreitende konkrete Recht von Frauen, die Wahl des Ehepartners mitzu-bestimmen. Deshalb wird im historischen Teil bezüglich der politischen Subjektivität auch nicht eigens auf die Gechlechterdifferenz eingegangen, obgleich das natürlich eine wichtige Fragestellung wäre. Die Verzögerungen in diesem Bereich sind den streng patriarchalen Lebensformen und den politischen Subjekten geschuldet, die ihre gerade erst entdeckte Bürgerlichkeit als Form universeller Menschheit im Individuum noch mit ihrer männlichen Geschlechtsnatur überidentifizierten. Dieser Komplex gehört zu den Themen der historischen und philosophischen Frauenforschung, der hier nicht vorgegriffen werden soll.
IV.
Für den Gang der Untersuchung wird zuerst eine Unterscheidung vorge-schlagen, die eine gewisse Orientierung in der Fülle des Materials ermöglichen soll. In der gängigen Terminologie der deutschen Politikwissenschaft wird bei der Unterscheidung von "politischer Theorie" und "politischer Philosophie" letztere in der Regel mit normativer Politiktheorie gleichge-setzt, also wie Politik sein soll.[1] Hier wird politische Philosophie allerdings auf andere Weise von der politischen Theorie getrennt werden, nämlich als Grundlagenforschung. Die politische Philosophie erforscht in der hier angewandten Definition ausschließlich die Grundlagen politischer Subjektivität; die politische Theorie bearbeitet diese Form von Subjektivität dagegen erst im aggregierten Zustand konkreter gesellschaftlicher Interaktion und Ordnung. Die idealtypische Differenz wird postuliert, damit im Laufe der Untersuchung um so deutlicher gezeigt werden kann, wie sehr und auf welche Weise jede Theorie der Philosophie verpflichtet ist. Mit der Unterscheidung von politischer Philosophie und Theorie ist noch eine weitere Abgrenzung beabsichtigt. Es geht darum, das Vorhaben vor der in Deutschland, wie bereits erwähnt, häufig anzutreffenden Identifikation von politischer und praktischer Philosophie zu bewahren. Praktische Philosophie behandelt nämlich die subjektive Dimension (Philosophie als implizite Anthropologie) und die kollektive Dimension des Politischen (Theorie als gesellschaftliche Wertelehre des guten Lebens) auf derselben Ebene und führt wegen dieses Mangels an Ausdifferenzierung zu Kurzschlüssen. Deutliche Anzeichen für solche Defekte sind die unvermittelten Übergänge von moral- zu rechtsphilosophischen Problemen in Abhandlungen, die sich selbst im Bereich der praktischen Philosophie verankert sehen[2]. Die Ähnlichkeit von moralischer und rechtlicher Denkungsart – sofern sie als von der Philosophie bestimmt zu betrachten sind – hat in der abendländischen Theoriegeschichte dazu verführt, beim Übergang von der Moral zum Recht immer ein wichtiges Stadium zu überspringen. Damit wird einer Intuition von Hannah Arendt gefolgt. An Karl Jaspers schrieb sie einmal:
"Nun habe ich den Verdacht, daß die Philosophie an dieser Bescherung [die Überflüssigmachung des Menschen als Menschen] nicht ganz unschuldig ist [...]...in dem Sinne, daß diese abendländische Philosophie nie einen reinen Begriff des Politischen gehabt hat und auch nicht haben konnte, weil sie notgedrungen von dem Menschen sprach und die Tatsache der Pluralität nebenbei behandelte."[3]
In der Regel wird unter politischer Philosophie vor allem die normative Fragestellung des "Wie sollen wir zusammen leben?" verstanden. Doch genau diese Fragestellung muß hier vermieden werden, weil sie zu viel voraussetzt und immer auf die Ordnung bereits organisierter politischer Subjekte zielt. Sobald die politischen Urteile in diesen Horizont des "Wir" eintauchen, verschwindet das "Ich"[4]. Diese Momente, in denen es aber noch ganz vital ist und mit sich selbst kämpft, um sich zu einem Urteil durchzuringen, werden hier beobachtet. Im normativ strukturierten Diskurs spricht das Subjekt bereits unter der Forderung des "wir müssen" und "wir sollen". Politische Subjektivität dagegen ist das Aufblitzen des frechen "Ich will – und die anderen sollen!" im Urteilen. Da es also nur um das politische Subjekt als Individuum geht, möchte ich innerhalb dieser Untersuchung den Begriff der politischen Philosophie völlig normfrei verstanden wissen. Das Konzept politischer Subjektivität ist ein Versuch, die politischen Kompetenz im Individuum auf deskriptive Weise zu erörtern. Das Folgende ist also keine Stellungnahme für oder gegen Demokratie, Liberalismus, Kommunitarismus, autoritäre Herrschaft, progressive oder konservative Politik oder sonstige politische Lebens- und Regierungsformen. Das wären immer schon theoretische Modelle, in denen Individuen aggregiert unter bestimmten Ordnungsschemata vorgestellt werden. Von diesen Aggregaten wird hier abstrahiert, erstens um dem regulativen Wissenschaftsideal im Wertfreiheitspostulat so gut wie möglich zu entsprechen, zweitens um die allgemeine politische Kompetenz (als Untertan, Bürger, Wähler, Familienmitglied, Arbeitnehmer, Mandatsträger oder politischer Führer) zu erforschen. Man muß zu diesem Zweck zum Individuum zurückkehren und dann erst einmal klären, wie der Übergang von einem allgemeinen Subjekt der politischen Denkformen zum Individuum gestaltet ist, d. h., was das Subjekt zum Individuum macht, um von dort aus weiter zu fragen. Aus diesem Grund nimmt die Erörterung des Individualismus im historischen Teil der Untersuchung größten Raum ein. Und aus demselben Grund empfiehlt sich die Unterscheidung von politischer Theorie (Ordnung) und politischer Philosophie (Subjekt), weil nur letztere hier von Interesse sein wird.
Die vorzunehmende Distanzierung von der praktischen Philosophie soll nicht bedeuten, daß Moral nichts mit Politik zu tun habe, wie einige Dezisionisten und Systemtheoretiker ohne zu zögern bestätigen würden. Das Verhältnis von Moralität und Politizität, d. h. von moralischer und politischer Urteils-fähigkeit, muß vielmehr in seinem Gehalt an Differenzen sehr genau untersucht werden, damit die Bedeutung der Moral für die Politik neu und even-tuell besser buchstabiert werden kann. Die entscheidende Voraussetzung hierfür ist die Abstinenz von jeglichen normativen Vorgaben in der Analyse. Zu schnell würde sonst hieraus ein erbaulicher Katalog politischer Wünsche. Der gelegentliche Blick auf das "krumme Holz der Menschheit" (Kant) und auf die "Schlachtbank der Geschichte" (Hegel) genügt, um den Rausch der moralischen Phantasie im Politischen auszunüchtern. Es wird hier keine "neue Politik" vorgestellt oder gesucht, kein normatives Postulat erhoben. Vielmehr soll eine kulturelle Leistung der Moderne als kognitive Leistung der Individuen einsehbar gemacht werden. ______________________________________________________________ [1] Vgl. Beyme, Klaus von, Die politischen Theorien der Gegenwart, 6. überarbeitete und ergänzte Auflage, München 1986. Beyme verwendet den Begriff Philosophie nur im Zusammenhang der "praktischen Philosophie". Die Grundlagen der politischen Theorie nennt er "Metatheorien" oder "Wissenschaftstheorien". In seiner neueren Studie Theorie der Politik im 2o. Jahrhundert, a.a.O., wird politische Philosophie nur noch mit einer „Minderheitenposition“ von Autoren innerhalb der Politikwissenschaft identifiziert, die sich mit den Sollensgründen von Politik und Ordnung beschäftigen. [2] Beispielsweise Brunkhorst, Hauke, Demokratie und Differenz. Vom klassischen zum modernen Begriff des Politischen, F. a. M. 1994; noch deutlicher, auch wenn der moralphilosophische Ansatz prozeduralisiert ist: Habermas, Jürgen, Faktizität und Geltung, F. a. M. 1992 (vgl. hier Kapitel B.2.2 und B.3.1). [3] Brief an Karl Jaspers vom 4. März 1951, in: Hannah Arendt und Karl Jaspers. Briefwechsel, hrsg. von Lotte Köhler und Hans Saner, München-Zürich 1985, S. 353. In dieser Wahrnehmung liegt vielleicht auch der Grund für Arendts lebenslange Weigerung, als politische Philosophin zu gelten. Sie sah sich entsprechend dem Titel ihres amerikanischen Lehrstuhls als politische Theoretikerin. [4] Vgl. Ulrich Becks programmatischen Artikel, Ohne Ich kein Wir, in: Die Zeit, 23.8.1996, S. 10. ______________________________________________________________
V.
In der Ästhetik, so hat es bereits Cassirer gesehen, wurde das philoso-phische Hauptproblem des 18. Jahrhunderts thematisiert.[1] Alle bedeutenden Denker der Aufklärung beschäftigten sich mit Ästhetik, im extensiven Sinn als Geschmackslehre oder eingeschränkt als Lehre des Kunstschönen. Sie hat mit Kants Kritik der Urteilskraft – wiederum eine Beobachtung Cassirers – ihre "definitive Form erhalten"[2]. In dieser Form der philosophischen Geschmackslehre soll hier die Vermittlung von Individu-alität und Öffentlichkeit, von Philosophie und Theorie, von Eigenwelt und Sozialität gesucht werden. Das Verhältnis von Politik und Ästhetik gehört in theoretischer wie empirischer Hinsicht immer noch zur terra incognita der Sozialwissenschaften.[3] Genau dieser Übergang, der bisher in einem restriktiven, auf Naturschönheit, Erhabenheit und Geschmackskultur beschränkten Sinn als ästhetisches Verhältnis bezeichnet wurde, soll hier als "erweiterte Denkungsart" in seiner genuin politischen Dimension erschlossen werden. Hannah Arendt beschäftigte seit ihrem Kant-Studium in den frühen fünfziger Jahren ein entscheidender Gedanke. In Kants Kritik der Urteilskraft, so meinte sie, sei ein Organ der Vernunft gegeben, das Singularität (des Ich) und Pluralität (der Menschheit) zusammen denken kann, nämlich die reflektierende Urteilskraft.
Auf der Grundlage des historischen und philosophischen Materials wird gezeigt, wie diese reflektierende Urteilskraft und ihre subjektiven Bedingungen tatsächlich eine neue, nämlich eine politische Qualität als Produkt hervorbringen, das im Reflektionsurteil über öffentliche Ordnung besteht. Dieses Produkt wird mit seinen einzelnen Bestandteilen und als Ganzes einer philosophischen Prüfung seiner Berechtigung unterzogen. Der Begriff der Öffentlichkeit wird hierbei nicht vorausgesetzt, sondern erst problematisch eingeführt. Das in der philosophischen Analyse darstellbare Realitätskontinuum von Öffentlichkeit ist nämlich wesentlich weiter gespannt als das der bisherigen Öffentlichkeitstheorien. Öffentlichkeit wird sich dabei als ein Medium erweisen, das durch Handlungen des Denkens, nämlich durch Urteile, geschaffen wird. In ähnlicher Weise müssen die Begriffe "Ordnung", "Individualität", "Macht", "Recht" usw. erst einmal subjektiv begründet werden, bis sie ihren Platz im politischen Urteil ein-nehmen dürfen. Der Weg bis zu diesen Kernthesen ist sehr beschwerlich, doch sie würden für sich selbst genommen unverständlich bleiben. Das Problem politischer Subjektivität ist außerordentlich komplex und erfordert eine ihm angemessene und daher philosophisch anspruchsvolle Behandlung. Der Umfang der Untersuchung ist daher im wesentlichen der historisch-literarischen Einbettung des an sich formalen Kerngedankens geschuldet. Insbesondere der gesamte historische Teil A ist das Resultat der Bemühungen, den philosophischen Tiefenschichten des Problems eine sichtbare Gestalt in Form ihrer historischen Genese zu geben. Im Zuge der späteren Analysen wird dementsprechend eine kulturgeschichtliche Theorie der Genese von Politik formuliert, die einen notwendigen Zusammenhang von Individualität, Öffentlichkeit, Geschmackswahrheit und politischem Urteil postuliert. Wenn hier schon methodisch die Entstehung und Evolution der subjektiven Form des Politischen zur Grundlage genommen wird, dann muß irgendwann auch eine theoretische Erklärung dieser politischen Emergenz und Evolution die hier angestrengte Darstellung rückversichern (vgl. Kapitel B.2.2). ______________________________________________________________ [1] Vgl. Cassirer, Ernst, Die Philosophie der Aufklärung, Tübingen 1932, 3. Aufl. 1977. [2] ibid., S. 352. [3] So Andreas Dörner in seiner ausgezeichneten Studie Politischer Mythos und symbolische Politik. Sinnstiftung durch symbolische Formen am Beispiel des Hermannsmythos, Opladen 1995, S. 13. ______________________________________________________________
VI.
Ernst Vollrath, Schüler und Mitverwalter des intellektuellen Erbes von Hannah Arendt, hat das Projekt einer eigenständigen politischen Philosophie aus Kants Konzept der reflektierenden Urteilskraft als erster näher bestimmt. Im Titel seiner Grundlegung einer philosophischen Theorie des Politischen zieht er interessanterweise "Philosophie" und "Theorie" zusammen. Doch in der Abhandlung gelingt es ihm nicht, den Unterschied zwischen den Begriffen so anzusetzen und zu artikulieren, daß ihre Verbindung in einem gemeinsamen Ausdruck sinnvoll oder sogar fruchtbar erscheint. Ebensowenig wird klar, was der sich auf dieser Grundlage abzeichnende Begriff des Politischen eigentlich leisten könnte. Vollraths Abgrenzung des neuen Begriffs gegen die lange Reihe von Politikbegriffen aus der französischen, angelsächsischen und deutschen Tradition ist - so interessant diese Überlegungen im Einzelnen sein mögen - zu stark auf die Ablehnung der deutschen Staatstheorien konzentriert, die den Politikbegriff hegemonial beherrschen oder zumindest beherrscht haben. Dagegen zeichnet sich in der Grundlegung nirgends ab, welche positive und konkrete Anwendung das entdeckte Urteilsvermögen in Aussicht stellt. Der philosophische Impuls wird ganz von dem ehrwürdigen liberalen Ehrgeiz absorbiert, Abwehrrechte und Abwehrtheorien gegen Übergriffe einer freiheitsbedrohlich vorgestellten Staatssphäre (der seiner Meinung nach allerdings auch Habermas' Lebenswelt zuzurechnen sei) auf das Individuum in Stellung zu bringen. Der wichtige Begriff der Ordnung beispielsweise, der hier zu einem Grundbegriff elementarisiert wird, spielt bei Vollrath noch gar keine Rolle. Er meint zwar, die reflektierende Urteilskraft sei das Vermögen, politisch zu denken. Das ist richtig. Doch worüber reflektiert sie denn außer über die eigene, individuelle Befindlichkeit? Über Ordnungen, die sie zu diesem Zweck erkennen oder erfinden muß, und über die Position des Individuums in bzw. relativ zu diesen gedachten Ordnungen.
Ein weiterer Autor, der französische Philosoph und Essayist Luc Ferry, hat in seinem Buch Homo aestheticus[1] die europäische Geschichte der Subjektivität entlang ihrer Brüche zu schreiben versucht. Auch für ihn, der damit sein Programm eines "nicht-metaphysischen Humanismus" weiterführt, ist Kants Kritik der Urteilskraft der Scheitelpunkt und Schlußstein eines über hundert Jahre andauernden philosophischen Ringens um ein Konzept der Subjektivität, worin menschliche Endlichkeit (Sinnlichkeit, Körperlichkeit, Zeitlichkeit, Geschichtlichkeit und Sterblichkeit) und Unendlichkeit (der Ideen von Seele, Welt, Freiheit und Vernunft selbst) gleichermaßen ihren systematischen Platz finden können. Ferry entwickelt das Thema anhand der systematischen Ästhetik im 18. Jahrhundert und spannt den Bogen über Kant, Hegel und Nietzsche bis zum Niedergang der Avantgarden in Kunst und Politik des 20. Jahrhunderts. So grundlegend dieses Buch für die vorliegende Untersuchung war und so interessant die Thesen und Interpretationen an sich sind, kann doch nicht geleugnet werden, daß einige Kritiker zu Recht bemerkten, der Untertitel, nämlich Die Erfindung des Geschmacks im Zeitalter der Demokratie, sei irreführend, weil kein sozialgeschichtliches oder -theoretisches Material mit der Frage der Geschmackstheorie im 18. Jahrhundert verbunden wird [2]
Eine weitere Expedition in die bisher wenig erforschten Grundlagen des politischen Urteils hat der Amerikaner Peter J. Steinberger unternommen [3]. Er hielt sich dabei aber ganz an die Klassiker der politischen Philosophie seit Platon und ersparte sich die Mühe, seine Thesen in einem sozialwissen-schaftlich gesättigten Feld zu entwickeln und dort eventuell gleich zu erproben. Dabei setzte er in seiner Fragestellung so viele Faktoren als bekannt voraus, daß seine Antwort keinen ersichtlichen Erkenntnisgewinn brachte. Ganz auf die logische Form des Urteils fixiert, kam er nicht auf die Idee, die Begriffe "politisches Subjekt", "Ordnung" oder wenigsten "Politik" als Unbekannte zu behandeln, damit seine Gleichung etwas zu leisten gehabt hätte. Zwar hat Steinberger interessantes Material zur Frage-stellung in den Texten gesammelt, aber er hat keine Instrumente gefunden, um dieses Material zum Sprechen zu bringen [4] Daher erscheint es um so wichtiger, gerade die Elementarbegriffe der politischen Philosophie zum Problem zu machen.
Politische Subjektivität ist also ein schon seit längerem bekanntes Problem der politischen Philosophie, auch wenn es bisher nicht ausdrücklich unter diesem Titel behandelt wurde. Das ist eine gute Gelegenheit, eine allge-meine Erklärung abzugeben, welchen Autoren ich mich besonders ver-pflichtet fühle und denen ich zu danken habe. Ich möchte diese Studie verstanden wissen als in der Tradition der Arbeiten von Hannah Arendt, Ernst Vollrath, Luc Ferry und Alain Renaut stehend. Sie verdankt diesen Autoren wesentliche Einsichten, Impulse und Inspirationen und versteht sich als Fortführung und Vertiefung ihrer Ansätze. Dazu muß eine solche Untersuchung allerdings gleichermaßen im systematisch-philosophischen Ansatz wie auch in der Empirie ihr Fundament verbreitern und festigen. Bei aller Kritik an den Vorarbeiten dieser Autoren, die ich dabei gelegentlich vorbringen werde, sei immer daran erinnert, daß ihnen das Verdienst zukommt, den ersten philosophischen Grundriß politischer Subjektivität freigelegt zu haben. _____________________________________________________________ [1] Ferry, Luc, Homo aestheticus. L'invention du goût à l'âge démocratique, Paris 1990. [dt. Der Mensch als Ästhet. Die Erfindung des Geschmacks im Zeitalter der Demokratie, Stuttgart 1992]. [2] Vgl. Früchtl, Josef, Ästhetischer Humanismus, in: Süddeutsche Zeitung, 6.11.1992. [3] Steinberger, Peter J., The Concept of Political Judgement, Chicago u. London 1993. [4] Der Hauptmangel liegt in der Unterschätzung der Kantischen Philosophie, insbesondere der Kritik der Urteilskraft. Diese bezeichnet Steinberger zwar zutreffend als den Höhepunkt der Urteilsanalysen, sieht sie aber als gescheitert an – aus Gründen, mit deren Vortrag schon Schopenhauer demonstrierte, daß er die dritte Kritik nicht verstanden hat. ______________________________________________________________
VII.
Für den am sozialwissenschaftlichen Funktionalismus oder an der Kommuni-kationstheorie geschulten Verstand wird hier, wie schon erwähnt, in ungewohnter Weise die ältere Form der Bewußtseinstheorie, unter Berücksichtigung bisher zu wenig gewürdigter Texte, mit der Sozialgeschichte kurzgeschlossen. Es soll versucht werden, den Hypotheken der Ansätze sprachlich performativ sich entfaltender Intersubjektivität (Habermas) genauso auszuweichen wie dem neueren sozialwissenschaftlichen Funktionalismus. Letzterer hat den Bezug auf das übersinnliche Subjekt des Idealismus aus der Sozialtheorie hinauskatapultiert, weil eine ausreichend anspruchsvolle Handlungstheorie des Vernunftsubjekts bisher nicht erbracht werden konnte. Das ist eine theoretische Grundentscheidung, auf der insbesondere die Systemtheorie von Niklas Luhmann aufgebaut ist. Sein Ansatz sieht von den metaphysischen Spekulationen über das Vernunftsubjekt ab, weil sie zu viele Probleme im Forschungsprozess und in der Theoriebildung aufwerfen. Luhmann hat vermutet, daß die Probleme der Subjekttheorie mit "einem zu unspezifischen Begriff der Reflexion" zusammenhängen.[1]
Die Systemtheorie hat konsequenterweise Abschied vom „alteuropäischen Subjekt“ genommen, um freie Bahn für neue Expeditionen der Sozialtheorie zu gewinnen. Das ist legitim und hat sich als ein sehr fruchtbarer Ansatz erwiesen. Dagegen muß die Politikwissenschaft das Geheimnis der Subjek-tivität und die damit einhergehenden Probleme der Individualität und Personalität weiter erforschen. Und ihr desolater Zustand an der Grenze der Bedeutungslosigkeit hängt damit zusammen, daß sie genau das nicht getan hat. Der wesentliche Mangel an Gründlichkeit in der Politikwissenschaft liegt darin, daß sie bisher keine Lehre der Elementarbegriffe wie "Sinn" und "Handeln" entwickelt hat, wie Weber und Luhmann es für die (verstehende und funktionalistische) Soziologie taten. Gewissermaßen ist das jetzt vorzustellende Konzept der politischen Subjektivität vielleicht die erste Chance der Politologie, doch noch zu einer eigenen Reflexionsbegrifflichkeit und zu einer Elementarlehre zu kommen. In der Soziologie ist beispielsweise die Geltungschance legitimer Ordnung bereits mit der Definition des Ordnungsbegriffes reguliert. In der politischen Philosophie müßte dagegen die Definition selbst erst einmal das Problem sein. Auf diese Weise werden im Teil B der Untersuchung einige Begriffe in Position gebracht, auf die anscheinend alle politischen Urteilshandlungen zurückgeführt werden können. Es soll sich also niemand wundern, wenn einige üblicherweise für elementar gehaltenen Begriffe wie "Herrschaft" und "Staat" praktisch überhaupt nicht berücksichtigt werden, denn diese sind immer schon aggregierte Konzepte, die vieles unartikuliert voraussetzen, was in einer philosophischen Untersuchung politischer Subjektivität erst geklärt wird. Ebenso wird hier von der Staats- und Rechtsphilosophie Kants abgesehen, die völlig in Abhängigkeit seiner praktischen Philosophie steht und letztlich auf dem Pflichtbegriff aufbaut. Auf diesem Weg gelangt man immer wieder zum normativ-politischen Sollen der Subjekte, wogegen die vorliegende Untersuchung das kognitiv-politische Können der Individuen zum Gegenstand hat.
Politische Subjektivität wurde und wird immer noch in einem Lernprozess erworben, der einige Kulturen auszeichnet. Sie ist kein angeborenes Vermögen, sondern eine extrem voraussetzungsvolle Erfindung der menschlichen Gattung. Sie realisiert sich nicht überall und zu jeder Zeit, sondern sie muß gewollt, gefördert und vermittelt werden. Politische Subjektivität zu verweigern oder abzuerziehen ist wesentlich einfacher als sie erfolgreich zu unterrichten. Sie braucht immer Vorbilder, aber auch einen zumindest intuitiven Einblick in die Funktion dessen, was sie eigentlich ausmacht: das politische Urteil. Sie ist nicht nur heilbringender Segen, Glücksgarantin und exklusiver Grund zu aufklärerischem Enthusiasmus, sondern auch eine Zumutung, eine Last. Sie ist der Preis, der zu zahlen ist für den Ausgang aus der Untertänigkeit in die Bürgerschaft. Politische Subjektivität erzeugt mitunter den bitteren Geschmack des Wissens um die unheilbare Unvollkommenheit der Welt. Sie ist eine Erinnerung an die schlecht vernarbte Wunde des Theodizeeproblems – mit der Verschärfung, daß säkularisierte Menschen gar nicht mehr auf die entlastende Idee kommen können, ein höheres Wesen für die Unordnung in der Welt verantwortlich zu machen. Politische Subjektivität ist eine Totalitätszumutung, denn jedem Individuum wird ein Gesamtentwurf für soziale und geistige Ordnung abverlangt, worin es sich selbst mitreflektiert. Diese Entwürfe müssen sich in einer Umwelt bewähren, deren Komplexität ständig wächst und kognitiv immer schwieriger zu bewältigen ist. ______________________________________________________________ [1] Habermas, Jürgen u. Luhmann, Niklas, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, F.a.M 1971, S. 27. Vgl. ebenso Luhmann, Niklas, Weltkunst, in: ders. (Hrsg.) Unbeobachtbare Welten. Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S. 11-12: "Man kann die Reflexionsbegriff- lichkeit des Deutschen Idealismus und der Romantik als ein erstes Experiment mit einem unterscheidungsgeleiteten Beobachten ansehen und historisch darin die Semantik einer Übergangsperiode erkennen. Trotzdem, und gerade deshalb, muss die Andersartigkeit der Begriffs- reihe Unterscheidung-Bezeichnung-Form-Beobachtung-Beschreibung betont werden. Wir knüpfen nicht an einen Reflexionsbegriff an, der vom Bewußtsein ausgeht und deshalb das Problem der Intentionalität, der Selbst-Vergegenständlichung, der immer nur sekundären Entzwei- ung von Selbst als Subjekt und Selbst als Objekt und der daran nun anknüpfenden Synthesen nicht los wird. Theoretisch zumindest ist es der Bewußtseinsphilosophie nicht gelungen, obwohl solche Absichten erkennbar werden, Differenz als Erstes und Letztes zu begreifen." An dieser Stelle verweist Luhmann auf Dieter Henrichs berühmte Studie, Fichtes ursprüngliche Einsicht, F. a. M. 1967. ______________________________________________________________
VIII.
Das philosophische Schema politischer Subjektivität hat äußerlich Ähnlichkeit mit einer Art politischer Individualpsychologie haben. Der wesentliche Unterschied liegt darin, daß keine Triebmuster oder andere psychosomatische Kausalketten zu knüpfen sind, sondern ein Urteilsver-mögen analysiert wird, das einem Gesamtsystem von Denkvermögen zuzurechnen ist, welches wir umgangssprachlich "Vernunft" nennen. Wie Kants Kritik der Urteilskraft basiert auch das aus ihr hier abgeleitete Modell politischer Subjektivität auf einer Analyse der Funktionen von Begriffen und nicht von sublimierten Trieben, Bedürfnissen und den aus ihnen folgenden Konflikten. Denn die Psychologie geht bei aller Verfeinerung von soma-tischen Zuständen und Ereignissen aus. Dementsprechend erhebt die Neurophysiologie immer größere Ansprüche darauf, als einzige über die wirkliche Lösung psychischer und psychologischer Probleme zu verfügen. Kant hat sich zu dieser Unterscheidung von Philosophie und (der ihm damals bekannten) Psychologie geäußert und dieser die Ehre belassen, das mühsame Geschäft der Sammlung von interessanten Einzelfällen gründlich zu erledigen wie etwa Edmund Burke in seiner Schrift A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful (1756). Was also im Denken des Subjekts als Individuum erforscht wird, gehört keineswegs notwendigerweise zur Psychologie (KdU, Erste Einleitung, S. 52-53). Ein wichtiges Anschlußthema ist dagegen die Frage nach der politischen Kognition bzw. nach der kognitiven politischen Kompetenz (Kapitel B.3.2)
Die neuzeitliche Erfindung von Individualität kann beispielsweise als sozial-psychologische Erscheinung nur in sehr reduzierter Form beschrieben werden. In modernen Gesellschaften ist die Erforschung der Individualität aber eine Art der Thematisierung der eigenen, grundlegenden Voraussetz-ungen. "Der moderne Begriff des Individuums gehört mithin in eine Gesell-schaft, die sich dadurch aufgefordert sehen könnte, sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen" folgert Niklas Luhmann, nachdem er die Bestandsaufnahme der unzureichenden theoretischen Würdigung des Problems abgeschlossen hat:
„Nach Jahren der De-Thematisierung ... scheint zwar eine Re-Thematisierung des Individuums anzulaufen [Literaturhinweise zu Ulrich Beck]; aber die Klassiker des Faches [Soziologie] können dabei kaum weiterhelfen: Sie hatten sich mit dem split paradigm personale/soziale Identität oder mit oberflächlichen Anleihen bei der Transzendentalphilosophie, mit dem Wort Subjekt begnügt und nie Tiefenbohrungen in Richtung Individualität unternommen.“[1]
Mit der Untersuchung dieses Phänomens als besonderer Systemleistung und als Steigerungsmoment von gesellschaftlicher Komplexität, oder als Sprachleistung und Individuierung mittels intersubjektiv in Sprechakten verschachtelter Geltungsansprüche können brauchbare und doch sehr unterschiedliche Resultate erzielt werden[2].Schließlich steht noch der Weg offen, Individualität und politische Subjektivität als Urteilsleistung und Verwirklichung eines besonderen menschlichen Denkvermögens zu analysieren. Das "Wort Subjekt" wurde zugestandenermaßen häufig naiv benutzt. Deshalb besteht die Aufgabe der Untersuchung unter anderem darin, den "Begriff" dieses transzendentalphilosophisch hypostasierten Subjekts neu zu bestimmen - aber nicht gegen Kant, sondern gegen die Anmaßungen der Kommentatoren (Kapitel B.1.9). Die These von der Wirkung der Vernunft in der Geschichte mittels des reflektierenden Urteils wird damit auf ganz unhegelianische Art als Instrument zur Einsicht in den philosophischen Grund des Politischen dienen.
Die politische Philosophie sollte die Praxis des Optikers sein, der versucht, die begrifflichen Gläser für eine theoretische Brille zu schleifen, mit deren Hilfe das geistige Auge in diesen Grund blicken und erkennen kann, was das Politische ist [3]. Dabei wird sich herausstellen, daß das Individuum jederzeit ein polyzentrisches Gebilde qualitativ verschiedener Subjekte ist. Die sich als „kritisch“ verstehende Rede vom „Monologismus des Subjekts“ kann dann als unzulässige Vereinfachung an ihre Autoren zurückgereicht werden (vgl. Schema III).
Die Untersuchung ist deshalb auch als ein Stück "Wiederverzauberung der Welt" zu verstehen - allerdings nicht mit den Hilfsmitteln des Mythos, sondern indem mit dieser neuen philosophischen Optik die Exotik der Gegenwart in ihrer sagenhaften Komplexität deutlich erkannt und bewundert werden kann. All die Bedingungen, die zur Ermöglichung unserer Lebensform zusammenschießen mußten, und all die Leistungen, die wir Tag für Tag denkend, nachdenkend und sprechend erbringen müssen, um diese Form zu erhalten oder gar weiterzuentwickeln, lassen es beinahe als ein Wunder erscheinen, daß all dies tatsächlich geschieht. Es geht also auch darum, die Dimensionen des gewachsenen politischen Kosmos neu zu vermessen und erfahrbar zu machen. Und zwar nicht nur in der reinen Spekulation, sondern in der Darstellung der mannigfaltigen Verbindungen, die bisher in der traditionellen Politikwissenschaft einfach nicht wahrgenommen wurden, weil der Grundriß dieser Wissenschaft so unsicher war, daß ein gewisser Konservatismus der Vorsicht hegemonial herrschte. Doch die politische Kindheit der Welt ist längst zu Ende, und einige Regionen des Globus haben sogar schon ihre Jugend hinter sich. Dieser Ethos, durch den die Untersuchung motiviert ist, könnte eine sarkastische Beurteilung ermutigen, denn die politische Gegenwart als exotischer Gegenstand wird hier doch zu einem Zeitpunkt erwogen, an dem klar ist, daß die utopischen Abkürzungen in die Zukunft versperrt sind und es könnte so aussehen, als ob wir uns nur faute de mieux zur Einübung eines naiv-positiven Denkens zurücklehnen um zu sehen, was wir eigentlich schon geschafft haben. Eingesperrt in die Gegenwart tun wir so, könnten die Sarkasten behaupten, als sei es gemütlich und vielleicht sogar ganz interessant. Doch die Wahrheit ist viel einfacher. Denn nur die Erforschung des Bodens auf dem man gerade steht und der Zeit in der man lebt gibt neuen Ideen und Kräften Nahrung. Und wer es genauer betrachtet wird erkennen, daß die sich bescheiden gebende Würdigung des Präsens in mehr als nur einer Hinsicht überraschend subversiv ist. ______________________________________________________________ [1] Luhmann, Niklas, Individuum, Individualität, Individualismus, in: ders. Gesellschaftsstruktur und Semantik, Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Band 3, F. a. M. 1993, S. 149-258, hier S. 258, 219. [2] Vor allem das bisherige Hauptwerk von Jürgen Habermas, Theorie kommunikativen Handelns, 2 Bände, F. a. M. 1981, bezeugt eine große Nähe zur Psychologie, denn sie stützt sich u. a. auf die Arbeiten von Freud, Piaget und Mead. Meads These von der Unerklär- barkeit der Ontogenese des psychischen Subjekts außerhalb eines sozialen Kontextes spielt dabei eine zentrale Rolle. [3] Diesen schönen Gedanken findet man in der Theologie als Lösungs- versuch der problematischen visio dei bei Nikolaus von Kues in seiner Schrift Über den Beryll, [1458] Hamburg 1987. Der Beryll ist ein geschliffener, durchsichtiger Stein, aus dem Kues für Mönche am Tegernsee eine (literarische) Brille schleift, die ihnen die coincidentia oppositorum, den Ursprung und die Einheit aller Differenzen einsehbar macht, nämlich Gott. ______________________________________________________________
IX.
In der Regel werden in der Präsentation theoretischer Studien die Spuren verwischt, die während des Forschungsprozesses auf Abwege geführt hatten. So wird ein ganz logischer und kausaler Aufbau vorgestellt, der den Eindruck erweckt, anders könne man es sich gar nicht vorstellen. Hier sollen zumindest zwei überraschende und wichtige Wendungen erwähnt werden, die während der Ausarbeitung des Konzepts politischer Subjekti-vität stattgefunden haben. Zum einen setzte sich der Begriff "politische Subjektivität" erst nach einiger Zeit und intensiver Arbeit gegen den Titel "Individualität und Öffentlichkeit" durch, an dessen Leitfaden das Thema entwickelt werden sollte, weil ich die zwei in ihm zusammengezogenen Begriffe wechselseitig ineinander enthalten glaubte. Das behaupte ich zwar immer noch, aber ich hatte lange Zeit keinen Punkt gefunden, in dem ich diese Überlegungen fokussieren, keinen Begriff, der diese neue Philosophie tragen konnte. Zum anderen gewann ich auch erst relativ spät die Einsicht, daß das politische Urteil gar nicht aus einem Guß ist, ja, daß es nicht einmal ein eigenes, ursprüngliches Prinzip hat, aus dem es hergeleitet werden kann. Ich ging vom Gegenteil aus und hatte mir vorgenommen, im Fundament von Kants reflektierendem Urteil einen eigenen Abschnitt freizulegen, welcher ausschließlich der Konstruktion politischer Urteile zugeordnet werden könnte. Das war ein Irrtum.
X.
Die Untersuchung besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil (A) wird die Entstehung der Trias im 18. Jahrhundert beschrieben, die sich zwischen den Eckpunkten Individualität, Ästhetik und Öffentlichkeit aufspannt. Zuerst geht es um (A.1) die Entwicklung der Individualität als historische und zugleich philosophische Dimension im Umfeld der bürgerlichen Revolu-tionen. Darin liegt auch der Schwerpunkt des ersten Teils. Die (A.2) Ästhetik der Aufklärung mit ihren verschiedenen Schulen bietet in mehreren Punkten schon eine systematische Vertiefung der Individualitätstheoreme. Schließlich werden die (A.3) neuen sozialen Praktiken von Öffentlichkeit dargestellt und die diesbezüglichen Forderungen in dieser Zeit von der geistesgeschichtlichen Seite her entschlüsselt. Diese Verschränkung von Geistes- und Sozialgeschichte soll die gesamte Untersuchung vor einem Übermaß an philosophischer Spekulation bewahren, ihr eine historische Basis geben und die anthropologische Dimension offenhalten[1].
Im zweiten Teil (B) taucht die Expedition nämlich in das Innere eines der schwierigsten Werke der Philosophie. Dabei hält sie immer das Seil fest in der Hand, das sie zuvor in der empirischen Welt geflochten hat, um jederzeit in diese zurückzufinden und ihre philosophischen Funde im Lichte der historischen oder aktuell erfahrbaren Realität zu betrachten. Nachdem das Werk vorgestellt ist (B.1.1-2), wird ein wichtiger Teil der Kantischen Methode, nämlich die Isolierung reiner Urteile, außer Kraft gesetzt und praktisch in eine Kontramethode umgekehrt (B.1.3). Dann wird gezeigt, wie das transzendentale Prinzip der Urteilskraft dafür sorgt, daß das politische Urteil Zugang zur sinnlichen Natur bekommt, wodurch die Unterscheidung von Individuum und Ordnung erst möglich wird (B.1.4). In den beiden folgenden Kapiteln wird der Kantische Text nach dem Gebrauch des Individualitätsschemas befragt und eine Sammlung aller politischen Motive und Beispiele angelegt (B.1.5-6), um mit diesen philosophischen und philologischen Ergebnissen ausgerüstet in das Zentrum der Fragestellung vorzudringen, die mit dem Problem politischer Subjektivität verbunden ist, nämlich zum politischen Urteil (B.1.7). Darin ist die Deduktion der formalen Einheit des politischen Urteils, die Analyse der verschiedenen Funktionen der reflektierenden Urteilskraft in dem Urteil und die Erläuterung einiger seiner Strukturmerkmale enthalten. Die Funktionen der Reflexionstypen Schönheit, Erhabenheit und Zweck bestehen in der subjektiven Konstruk-tion bestimmter Elementarbegriffe des Politischen. Die Untersuchung ist dann weit genug fortgeschritten, um die schwierige Beziehung zwischen Moral, Politik und Religion von einem neuen Standpunkt aus als ein Urteilsgefüge von Praxis, Reflexion und Glauben zu beurteilen (B.1.8). In dem darauf folgenden Exkurs wird versucht, das Konzept politischer Subjektivität im Verhältnis zu den bisherigen Identitäts- und Bewusstseinsphilosophien zu verorten (B.1.9). Um die philosophische Expedition wieder in die sozialwissenschaftliche Realität zurückzuführen, wird das neue Konzept exemplarisch an Max Webers Charisma-Begriff erprobt (B.2.1-2) sowie in einem weiteren Exkurs mit ethnologischen Erkenntnissen und kulturtheoretischen Überlegungen konfrontiert (B.2.3). Abschließend werden thematische Anknüpfungspunkte zu diversen wissenschaftlichen Disziplinen und Theorien erörtert (B.3).
Wer sich ohne Umwege mit der philosophischen Frage in abstracto beschäftigen möchte, kann den historischen Teil durchaus ignorieren und überspringen. Dieser hat vor allem eine propädeutische und plausibilisierende Funktion. Alles, was dort sozial- und theoriegeschichtlich untersucht wird, erscheint im zweiten Teil wieder als philosophisches Thema. Der Vorteil des historischen Abschnitts ist allerdings die Einübung eines schwierigen Gedankengangs mittels vielfacher Wiederholung am empirischen Material miteinander verknüpfter Sachgebiete. Die schwierige Deduktion des politischen Urteils und die Funktionen der in ihm enthaltenen Reflexionstypen haben die größte Chance verstanden zu werden, wenn doch alle Vorbereitungen einigermaßen gründlich durchgearbeitet worden sind. Die Mühen bei der Lektüre dieser Untersuchung werden hoffentlich mit einem geschärften Sinn und einem tieferen Einblick in die Voraussetzungsfülle, die Verletzlichkeit und Bedrohtheit aller Kultur belohnt, die heute noch politisch genannt werden kann. ______________________________________________________________ [1] Vgl. hierzu den ausgezeichneten Aufsatz von Thomas Nipperdey, Die anthropologische Dimension der Geschichtswissenschaft, in: ders., Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte, Göttingen 1976, S. 33-58. ______________________________________________________________
© Politische Subjektivität von Reginald Grünenberg
| |