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In memoriam Ernst Vollrath
   
 


Textproben
Vorgeschichte und Danksagung / Inhaltsangabe / Einleitung
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Vorgeschichte und Danksagung

Diese philosophische Arbeit konnte verwirklicht werden dank eines dreijährigen Graduierten­stipen­diums der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein wichtiger Teil der Unter­stützung war ideeller Art, denn ohne das in dieser Förderung mitgeteilte Vertrauen hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, ein so umfangreiches und komplexes Projekt in Angriff zu nehmen. Eine erste Fassung, in welcher ich die Form des politischen Urteils unter dem faszinierenden Titel Kritik der Form in einer abstrakten Weise untersuchen wollte, die noch den jungen Hegel beeindruckt hätte, ließ ich fallen, um einen stärker historisch und sozialwissenschaftlich geerdeten Ansatz zu wählen. Ich habe das zuerst sehr bedauert, denn ich hatte diesen neuen Weg doch nur deshalb eingeschlagen, weil ich feststellen musste, dass niemand verstand, was ich eigentlich vorhabe. Doch dann machte mir die Sammlung und Neuordnung des reichen Materials aus dem 18. Jahrhundert und die Fundierung meiner philosophischen Thesen darauf so viel Freude, dass die Zeit der Niederschrift meiner Dissertation zwischen Sommer 1995 und Frühjahr 1996 eine der schönsten meines Lebens wurde.

Diese Arbeit ist geprägt von dem Eindruck der persönlichen Begegnungen mit dem inzwischen verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann. Die Aufgeschlossenheit und Kreativität dieses Mannes hatte mich davon überzeugt, dass ich mich mit dem Theoriedesign seiner Systemtheorie gründlich beschäftigen muss. Ich entwickelte mit ihrer Hilfe den Ehrgeiz, eine Grundlage für die politische Philosophie zu schaffen, die sie endlich unabhängig macht von der Moralphilosophie, den Staatstheorien und den Klugheitslehren.

Ich habe nicht wenigen Freundinnen und Freunden für ihre Unter­stüt­zung zu danken. Astrid von Lühe hat mir mit ihrer kritischen Lektüre des historischen A-Teils und mit ihrem enthusiasti­schen Zuspruch zur rech­ten Zeit sehr geholfen; außerdem hat mich das Manuskript ihres Artikel für das Historische Wörterbuch der Philo­sophie über den sen­sus communis zu einem ganzen Kapitel (A.2.3) angeregt. Sven Murmann hat mich gewis­ser­maßen mit dem von ihm geprägten Ausdruck "Politische Sub­jektivität" beschenkt. Er dachte nämlich bereits 1992 daran, eine wissenschaftliche Arbeit unter diesem Titel zu schreiben, hat sich dann aber für ein anderes Projekt entschieden (Demokratische Staatsbürgerschaft im Wandel. Über die Zugehörigkeit zum Politischen System in Zeiten pluraler gesellschaftlicher Mitgliedschaften, Würzburg 2000). Mein Freund Michael Schefczyk hat jahrelang die Entwicklung des vorliegen­den Gedan­kens mit kritischen Fragen und Prüfungen be­gleitet und als exzellenter Kant-Kenner meine Gedanken geschärft. Sonja Hegasy hat mir die fas­zinierenden Schriften des ma­rokkanischen Philosophen Mohammed Abed Al-Jabri zugänglich gemacht, der ein Kon­zept politischer Subjektivität als islamische Kul­turkritik entwickelt hat, in dem ich wich­tige Resultate meiner eige­nen For­schung bestätigt finden konnte (Kapitel B.1.8). Mirjam Schaub erschloss mir in unseren gemeinsamen Kant- und Bergson-Symposien die Probleme der bisherigen philosophischen Zeit-Therorien und brachte mich darauf, dass ein politisches Subjektivitätstheorem keinesfalls zeitneutral sein kann (Kapitel B.1.7.2.3). Gabriela und Alexan­der Roth haben schließlich mit unbestechlichem Regelbewusstsein das Manu­skript korrigiert und wesentlich zur Verbesserung des sprachlichen Stils bei­getra­gen.

Danken möchte ich auch meinen Studenten am Otto-Suhr-Institut für Politik­wissenschaft an der Freien Universität Berlin, mit denen ich, im Rahmen eines Lehrauftrags, meine Disserta­tion noch im Stadium einer work in progress während des gesamten Wintersemesters 1994/95 diskutieren durfte.Ich widme dieses Buch einem großen Kosmopoliten, dem kolumbianischen Philo­sophen, Politiker, Stierzüchter, Diplomaten, Mäzen und Gründer der Anden-Uni­versität in Bogotá, Mario Laserna. Dieser Gelehrte, einer der ersten Doktoranden von Dieter Henrich, ein langjähriger Brieffreund von Albert Einstein und John von Neumann, der sein Leben lang Geist und Tat zu verbinden wusste, hat mich gelegentlich seiner Lehrtätigkeit 1988 am Münchener Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft in die Lektüre der Kanti­schen Werke eingeführt. Dabei hat er mir vor allem die Naturphilosophie und die Er­kenntnistheorie darin erschlossen. Anstatt mich zu er­mutigen, zwischen den Zeilen zu forschen, hat er mir den Reich­tum gezeigt, der ganz unverborgen in den Zeilen der Kantischen Texte liegt. Ich hoffe, dass die Anwendung dieser hermeneutischen Regel das Buch, welches ich ihm widmen möchte, vorteilhaft geprägt.

Mario Laserna und Albert Einstein 1952 Mario  Laserna und Albert Einstein 1952 in  Princeton, als  Laserna Gründungskapital für die Anden-Universität in Bogotá sammelte

© Politische Subjektivität von Reginald Grünenberg
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Inhaltsangabe

Einleitung

A. Die Entstehung einer politischen Trias
    1.      Die Entwicklung des Individualismus 
             im Kraftfeld der bürgerlichen Revolutionen       
    1.1.    Erste Etappen in der Geschichte von
             Subjektivität und Individualität
    1.2.    Die erste Analytik des Individuellen (Philosophie)
    1.3.    Die Erziehung des Individuums (Pädagogik)
    1.4.    Das Individuum auf den Märkten (Ökonomie)
    1.5.    Das Individuum in Sozial- und 
             Herrschaftsverträgen (Recht)
    1.6.    Das Individuum im Krieg  

    2.      Die Entwicklung der Ästhetik zur 
             Wissenschaft des Geschmacks 
    2.1.    Klassizismus, Empfindsamkeit und englische Ästhetik
    2.2.    Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis 
             und Kritik des ästhetischen Subjekts
    2.3     Die Verbindung von Ästhetik und Politik: 
             Der sensus communis

    3.       Öffentlichkeit als ästhetische und politische 
              Kommunikation im 18. Jahrhundert  
    3.1.     Fragmente einer Theorie der Öffentlichkeit
    3.2.     Neue Formen der Öffentlichkeit und ihre
              Einübung in der sozialen Praxis
    3.2.1   Publikum und Autoren im Medium der Sprache         
    3.2.2   Presse, Literatur und Lesegesellschaften       

 

B. Politische Subjektivität als Grund des Politischen 

    1.        Reflexionsvermögen und politisches Urteil
               Kants Kritik der Urteilskraft (KdU)      
    1.1       Vorbereitung I - Rezeptionsgeschichte der KdU  
    1.2       Vorbereitung II - Skizze der KdU und
               Definition der reflektierenden Urteilskraft   
    1.3       Von Kants Methode zur Kontramethode
               Die "Rückmischung" reiner Urteilsformen  
    1.4       Transzendentale Natur und politisches Urteil
               Das Prinzip der Urteilskraft im politischen Gebrauch
    1.5       Figuren des Individuums - Individualität im Text der KdU 
    1.6       Politik in der Kritik
              
Politische Beispiele und Themen in der KdU  
    1.7       Das politische Urteil 
    1.7.1    Die Deduktion der Einheit des politischen Urteils   
    1.7.2    Funktionen der Reflexionstypen
               Zwecke, Schönes und Erhabenes im politischen Urteil
    1.7.2.1  Der Zweckbegriff - Ordnung und Individualität    
    1.7.2.2  Das Schöne - Moral und Recht      
    1.7.2.3  Das mathematisch Erhabene - Zeit und Körper     
    1.7.2.4  Das dynamisch-Erhabene - Macht          
    1.7.3    Öffentlichkeit und sensus communis politicus 
               Strukturen des politischen Urteils      
    1.8       Praxis, Reflexion und Glauben - Moral, Politik 
               und Religion im Spiegel der Urteilsanalyse     
    1.9       Exkurs I - Hypostasen der Identität 
               Lokalisierung einer unerschlossenen 
               Bewußtseinsphilosophie     

    2.        Politische Qualität - Subjektphilosophische 
               Rekonstruktion politischer Phänomene
    2.1       Charisma       
    2.1.1    Klassiker der Sozialtheorie: Webers objektives Charisma          
    2.1.2    Die qualitative Wende: Subjektiv-politisches Charisma       
    2.2       Exkurs II - Ethnologische und kulturanthropologische 
               Dimensionen politischer Subjektivität     

     3.        Anschlußthemen         
     3.1      System- und Diskurstheorie           
     3.2      Politische Psychologie und Kognition           
     3.3      Politische Kommunikations- und Medientheorie           
     3.4      Frauenforschung und Geschlechteranthropologie          
     3.5      Politische Bildung        

Zusammenfassung

               Politik - Kulturelle Leistung und bedrohte Errungenschaft      

Ausführlicher Glossar

© Politische Subjektivität von Reginald Grünenberg
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Politische Subjektivität 

Von der historischen Emergenz des Politischen
zur philosophischen Untersuchung seiner Struktur
in der "Kritik der Urteilskraft"

Einleitung


Eine Reihe politischer Ereignisse der jüngeren Vergangenheit haben die Bedeutung poli­tischer Subjektivität wieder ins Rampenlicht gerückt. Von der deutschen Ein­heit mitsamt der vorausgegangenen Bürgerproteste in der DDR über den Zusam­menbruch der So­wjetunion zur friedlichen Abschaffung der Minderheitenherrschaft Apartheid in Südafrika und schließlich zur unblutigen Palastrevolution 2000 in Belgrad - oder vom Massaker 1989 in China auf dem Platz Tianan­men über den ethnisch fanati­sierten Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien zum islamistischen Terrorismus in Al­gerien: Im Guten wie im Schlechten gibt es viele Gründe und aktuelle Anlässe, sich wie­der einmal Gedanken zu machen, welche ge­schichtsmächtigen Kräfte insgeheim am Werk sind, wenn Menschen als politi­sche Subjekte versuchen, die öffentliche Ordnung der Rechte, der Sitten und der Güter­verteilung zu bestimmen und zu verändern. Die politi­sche Philosophie sollte sich dazu aufgefordert fühlen, endlich der drängenden Frage auf den Grund zu gehen: Was ist das Politische?

Doch die Zeit der einfachen Antworten ist vorbei. Wir wurden zu lange abgespeist mit trivialen und wenig plausiblen Definitionen des Politischen. In diesem Buch wird ein neues Niveau gesetzt, sowohl was die Fragestellung als auch die Antwort betrifft. Das Ziel ist eine neue Reflexionstheorie für die Politikwissenschaft. Der Ansatz, der hier entwickelt wird, ist so radikal neu, so gründlich und so unerhört komplex, dass die simplen Ideen und das alte Wissen von Politik wahrscheinlich das größte Hindernis zum Verständnis des Neuen sein werden, das hier zu entdecken sein wird. Zum ersten Mal wird nämlich deutlich, dass nicht nur Physik, Biologie und Mathematik höchst anspruchsvoll, kompliziert und schwer darstellbar sein können. Die Grundlagen der politischen Philosophie, die hier freigelegt werden, sind eine mindestens ebenso große Herausforderung für den Verstand und die Vorstellungskraft. Dafür beanspruchen die Ergebnisse eine vergleichbar universelle Gültigkeit wie die großen naturwissen­schaftlichen Vorbilder. Ja, man könnte die nachfolgende Abhandlung - mit einem Augenzwinkern - auch als die erste Relativitätstheorie der Politik bezeichnen.

Für wen ist dieses Buch geschrieben? Das ist tatsächlich ein Problem, denn jene große Gruppe von Lesern, die über die Bildung und das nötige begriffliche Werkzeug verfügt, um dem hier zu entfaltenden Gedanken folgen zu können, ist doch aufgewachsen in der humanistisch-aristotelischen Tradition – und damit für dieses Unternehmen eigentlich verloren. Diese Traditionalisten können die Konsequenzen der folgenden Überlegungen kaum akzeptieren, denn hier wird eine philosophische Axt an die Wurzel ihres politischen Weltbildes gelegt, das doch immer nur ein moralisches war. Wir werden sehen, was für einen enormen Unterschied das macht.

Dann gibt es die Progressiven, die zwar über umfangreiche sozialwissenschaftliche und vielleicht sogar philosophische Kenntnisse verfügen, die aber im Gegensatz zu den Traditionalisten bereits völlig abgenabelt sind von der faszinierenden Geisteswelt und den subtilen Fragestellungen der abendländischen Metaphysik. Sie glauben an den linguistic turn und halten alle Probleme der Philosophie für Sprachprobleme. Oder sie glauben immer noch, die Vernunft selbst sei das größte Verbrechen der abendländischen Philosophie, wie die letzten Postermodernisten im Gefolge von Nietzsche, Heidegger und Foucault. Mit dieser simplen intellektuellen Ausrüstung werden sie unserem Aufstieg zu den gedanklichen Hochebenen von Leibniz, Baumgarten, Shaftesbury, Smith und Kant kaum folgen, geschweige denn diesen genießen könnnen.

Dann gibt es noch die Liberalen, insbesondere angloamerikanischer Provenienz. Zugegeben, sie haben ein wirklich ein gutes Argument. Denn sie werden fragen, wozu sie eigentlich all diese philosophische Haarspalterei brauchen. Es war doch ganz einfach, ein politisches Subjekt zu werden; ihre Vorväter und -mütter haben es doch gezeigt in den bürgerlichen Revolutionen. Das ist schon richtig. Doch ich behaupte, dass die Liberalen bis heute nicht verstanden haben, was damals wirklich passiert ist und wie das moderne freiheitlich-politische Denken tatsächlich entstanden ist. Die Liberalen nehmen die äußerlichen historischen Ereignisse jener Epoche, in denen sie noch erfolgreiche Revolutionäre waren, als einen Beweis für die universelle Gültigkeit des Liberalismus und bleiben bis heute in der philosophischen Begründung desselben auf geradezu frivole Weise oberflächlich. Das machen sie am liebsten mit moralphilosophischen Argumenten, die häufig naiv, lebensfremd oder schlicht kontrafaktisch sind. Erst wenn sie sich mit uns hier auf die Expedition begeben, um den wahren Ursprung ihres politischen Weltbildes zu finden und zu erforschen, wie groß die philosophischen Leistungen waren, die implizit in der revolutionären Praxis ihrer Gründer lag, erst dann werden die Liberalen den größten Fund ihrer Geschichte machen.

Das ist die paradoxe Herausforderung dieses Buches: Es ist dem Duktus, der Argumentationsführung und der Informationsdichte nach für gut ausgebildete Philosophen, Sozialwissenschaftler und anspruchsvolle Intellektuelle geschrieben; doch die meisten von ihnen werden daran scheitern. Deshalb richtet es sich insgeheim doch an den Wissensdurst junger Studenten, Forschergeister und Denker aller Couleur.

Offen gestanden kann ich mir auch gut vorstellen, dass die hier zu entwickelnde politische Philosophie zunächst gar nicht verstanden wird. Ich habe das an den Werken von einigen Autoren beobachtet, von denen hier die Rede sein wird. Wie viel Unsinn habe ich lesen müssen über die Werke von Immanuel Kant oder Niklas Luhmann! Die akademische Kommentarliteratur schafft es tatsächlich immer wieder, das ursprüngliche Werk komplett zu überwachsen und praktisch verschwinden zu lassen. Ich hoffe, dieses Schicksal wird meiner philosophischen Arbeit erspart bleiben. Deswegen ist die Antwort auf die Frage, für wen dieses Buch denn nun geschrieben ist, am Ende doch ganz einfach: für die Zukunft.



                                                             I.

Das menschliche Vermögen, verschiedene Formen des Zusammenlebens zu gene­rieren, ist uns seit der Antike rätselhaft, als es seine Selbstverständ-lichkeit verlor. Das Politi­sche hat deshalb die Auf­merksamkeit bedeutender Denker auf sich gezogen. Mit den philosophischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Begriffen, die ihnen zur Verfügung standen, haben sie versucht, bestimmte Ordnungen zum Inbegriff des Politischen zu machen. Das Politische war dabei ihre jeweils eigene  politische Meinung als Substantiv oder Schema. Es ist vielleicht nur durch diesen Eigenbedarf der Theoretiker zu erklären, daß das Subjekt des Politischen nicht mehr sein durfte als ein zoon politicon, ein staatsbezogenes Tier. So konnte von der jeweils zu vertretenden Staatsordnung auf das Wesen zurückgeschlossen werden, daß sie zu tragen und zu ertragen hatte. Die innere Komplexität dieses Wesens wurde dabei regelmäßig ausgeblendet.

Die Reduktion von Komplexität war eine Spezialität des Soziologen Niklas Luhmann, dessen Arbeit hier in mehrfacher Hinsicht gewürdigt wird. Die Systemtheorie nach Luhmann hat immer versucht, spezifische Systeme und die sie tragenden Funktionen innerhalb einer Gesellschaft zu definieren, unabhängig vom Wollen und Handeln einzelner Individuen. In einigen Bereichen, wie z. B. in der „Wirtschaft der Gesellschaft“ oder insbesondere in der „Wissenschaft der Gesellschaft“ hat er mit diesem anti-anthropologischen Theoriedesign wichtige und anschlußfähige Ergebnisse erzielen können. Doch ausgerechnet in Die Politik der Gesellschaft[1] speist er uns mit einer Formel ab, die die Funktion des Politischen  als das „Bereithalten der Kapazität zu kollektiv bindenden Entscheidungen“[2] konstruieren soll. Unter einem strikt soziologischen Gesichtspunkt mag diese Sichtweise konsequent und hinreichend sein. Das Phänomen des Politischen ist damit jedoch nur zu einem geringen Teil begriffen, weil die individuelle Leistung der Menschen, die tatsächlich in einem noch näher zu bestimmenden Sinne „politisch“ denken und handeln, von einer postulierten Systemleistung  überdeckt und annulliert werden. Luhmanns Systemtheorie behandelt Menschen und Bürger als Systemtiere (zoon systematicon), deren psychische und philosophischen Innenhorizonte keine konstitutive Rolle für die Operation des politischen Systems spielen. Dabei ist gerade die Herausbildung einer – wie gesagt noch näher zu bestimmenden – „politischen“ Denk- und Handlungsweise zwischen Menschen extrem reich an Voraussetzungen.

Bis hin zu der Tatsache, dass es sogar alles andere als selbstverständlich ist, dass diese Staats- und Systemtiere einander als Menschen erkennen, wenn es sich um solche handelt. Ausgerechnet Menschen unterscheiden sich von den anderen Tiergattungen dadurch, dass sie sich untereinander nicht erkennen. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut hat diese Problematik zum Anlass für eine Gegenwartsanalyse genommen. „Für eine Katze ist eine Katze immer eine andere Katze. Ein Mensch hingegen musste stets bestimmte drakonisch Bedingungen erfüllen, um nicht schutzlos aus der menschlichen Welt getilgt zu werden.“[3] So betrachtet ist es evident, dass das Staatstier nur innerhalb seiner eigenen Polis (Gruppe, Clan, Stamm, Staat) Mensch sein kann und aus dieser Stellung heraus berechtigter Weise den Rest der ihm ähnlichen Naturwesen als Nicht-Menschen anzusehen. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss stellte anlässlich einer Rede vor der UNESCO fest, der Begriff der Menschheit, der ohne Unterschied der Rasse oder Zivilisation alles Lebensformen der Gattung Mensch einschließt,  sei „ziemlich spät aufgekommen und sehr wenig verbreitet. Selbst da, wo er seine Ausbildung erfahren zu haben scheint, steht keineswegs fest – die jüngste Geschichte beweist es – dass er gegen Mehrdeutigkeiten und Rückbildungen gesichert ist.“[4]
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[1]   Luhmann, Niklas, Die Politik der Gesellschaft, F. a. M. 2000.
[2]   ibid, S. 84.
[3]   Finkielkraut, Alain, Verlust der Menschlichkeit.
       Versuch über das 20. Jahrhundert
, Stuttgart 1999, S. 13.
[4]   Lévi-Strauss, Claude Strukturale Anthropologie, Band II,
       F. a. M. 1975, S. 369.
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Man kann also Aristoteles, der diese antike und bis heute anerkannte Definition des politischen Subjekts als zoon politicon begründet hat, nicht einmal die empirische Bestätigung absprechen. Es war auch in der griechischen Polis tatsächlich so, dass das Wesen, das intra muros als Mensch zu betrachten war, außerhalb des Stadtstaates, ex urbe, ein zu jagendes Tier oder ein Barbar war. Nun sind wir heute, entsprechend unserer mehrtausendjährigen Tradition im jüdisch-christlichen Universa-lismus erheblich anspruchsvoller und wünschen uns einen Politikbegriff, der globaler ist und die Grenzen enger Gemeinschaften überschreiten kann. Außerdem fordern wir einen Politikbegriff, der nicht vom Staat und den bestehenden Ordnungen, sondern von uns als Individuen ausgeht. 

Die Evidenz des eigenen politischen Wollens und Fühlens hat allerdings den Möglichkeitssinn betäubt, der gefragt hätte: Wie kann ich mir ein Urteil oder Gefühl dieser Art zumuten? Wir sind uns selbst zu nahe um zu bemerken, wie voraussetzungsvoll und komplex dieses uns alltägliche Vermögen ist. Es gibt eine Reihe historischer Indizien, die auf  Fruchtbarkeit dieser Fragestellung schließen läßt, und eine philosophische Spur, auf die uns Hannah Arendt hingewiesen hat. Beides ist Kompass und Karte für eine Expedition in die Grundlagen der politischen Philosophie, weil wir wissen wollen, was es mit dem politischen Subjekt wirklich auf sich hat.

In der folgen­den Untersuchung wird von einer histo­ri­schen Ursprungssitua­tion ausgegangen, die als idealtypisches Konstrukt den Be­ginn des Politischen im Europa der Neuzeit mar­kieren soll. Dieser Ursprung des Politischen liegt in dem zeitlichen Zusammentreffen von drei geistes- und sozialge­schichtlichen Erschei­nungen, deren Wechselbeziehungen bisher kaum erforscht sind. Die drei Elemente dieser Konstellation, hier der Kürze halber "politische Trias" genannt, sind: 1.) die philosophischen und praktischen Konsequenzen des Subjektivitäts- und Individualitätsgedankens im Kraftfeld der bür­gerlichen Re­volu­tionen, 2.) die Ästhetik, als Theorie des Geschmacks, der Meinungswahrheit und des Gemeinsinns, sowie 3.) die neue soziale Kommunikations­praxis, die wir heute als "Öffentlichkeit" kennen. Die These dabei lautet, dass sich mit die­sen simultanen Er­eignissen eine historische Formation ge­bil­det hat, die nur unter der An­nahme der Wirkung eines speziellen, kulturge­schicht­lich neuen und genuin politischen Urteils­vermögens erklärt werden kann. Wei­terhin soll ge­zeigt werden, dass der Schlüssel zum Verständnis dieses neuen Ver­mögens in Immanuel Kants Kritik der Urteils­kraft liegt. Sobald Schlüssel und Schloss gefunden sind, ist der Weg frei zu dem, was hinter dieser Tür bisher verbor­gen lag: die Philosophie der politischen Subjektivität.

Diese Untersuchung ist ein Versuch des "Seiteneinstiegs" in die Anthropologie als politi­sche Anthropologie, den Otfried Höffe ermutigt hat.[1] Das philosophische Modell des Politischen soll die Vergesell­schaftung hier wieder vom Einzelmenschen ausgehend in den Blick bekommen. Im Hintergrund steht die bisher verneinte, jedoch in Wirklichkeit nur ungelöste Frage, ob und wie der konkrete, einzelne Mensch in der Theorie erschei­nen oder besser noch: ihr Maß werden kann. In den Sozialwissenschaften dominiert seit längerem das metatheoretische Prinzip, daß menschliches Handeln nicht vom Indivi­duum, sondern nur von den Systemen her als kollektives Kommunikations- und Funk­tionsereignis zu verstehen ist. Der Grundbegriff des Handelns wird kaum noch zurückge­rechnet auf ein einzelnes Wesen oder Bewusstsein. Luhmanns Systemtheorie repräsentiert in diesem Zusammenhang nur die reinste und spektakulärste Form des sozialwissenschaftlichen Reduktionismus, der sich brüstet, den „alteuropäischen Humanismus“ als Theoriegrundlage hinter sich gelassen zu haben. Es wird hier zu zeigen sein, daß diese Grundlagen bei weitem nicht erschöpft sind und viel ungeborgenes Potential enthalten. 

Auch an anderer Stelle regt sich der Widerstand gegen den sozialwissenschaftlichen Anti-Inidividualismus. Besonders augenfällig wurde das etwa 1996 im Streit um Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker, worin der Autor sich weigerte, weiterhin „Struktur-“ oder „Sozialgeschichte“ zu schreiben, und statt dessen auf die Mo­tive einzelner Täter einging. Goldhagens Ansatz steht im Horizont einer im angloamerikanischen Raum inzwischen zu großer Bedeutung gelangten Methode der narrativen Geschichts­schreibung und der „dichten Beschreibung“ (Clifford Gertz). Den Ereignissen und Handlungen wird damit ein Moment genuin historischer Kontingenz zurückerstattet,  das die hochdeterministischen oder krypto-teleogischen Struktur- und Entwicklungsmodelle völlig abzugleichen drohen[2]. Auch die Politikwissenschaft ist dieser handlungtheoretischen Verarmung ausgesetzt, da sie sich in ihrer Mo­dellbildung in eine methodische Abhängigkeit von Soziologie und Ökonomie begeben hat. Herfried Münkler notierte folgende Be­obachtung: 

"Wenn denn zutrifft ..., daß nämlich weder die Rückführung der politischen Ord­nung auf Mo­delle der Ökonomie oder Soziologie, noch die Einver­nahme politi­scher Erwartungsdimensionen und Handlungsimperative in die Prinzipien einer universalistischen Ethik die gegenwärtig zu beobachtende Krise der westlichen Demokratien als Krise zu begreifen vermögen, so ist dies mehr als ein bloßer Fin­gerzeig, daß sich die Politikwissenschaft auf die genuine Eigenständig­keit ihres Gegenstandsbereichs zurückbesinnen muß."[3]

Dem läßt Münkler ein Plädoyer fol­gen, die tatsächlichen Erwartungen und Dispo­sitionen der Bürger für sich genom­men deskripitiv ernst zu nehmen und erst auf dieser Grundlage die Erörterung der normativen Zulässigkeit dieser Erwartungen anzuschließen. Ande­renfalls laufe die Politikwissenschaft Gefahr, sich in der Erpro­bung einer Inflation kon­trafaktischer Modelle und Ideale zu erschöpfen. 

Die des­kriptive Dimension politikwis­senschaft­licher Forschung und Theoriebildung ist tatsächlich deutlich un­terentwickelt. Allerdings nicht auf der quantitativen Seite, denn die empirische Datenbasis ist geradezu übersättigt. Es sind vielmehr die Instrumente zur In­terpretation und sinnvollen Ver­bindung der erhobe­nen Daten, die überholt sind. Die traditio-nellen Mittel zur Erfassung der Merkmale, Ei­genschaften und der eigen-tümlichen Interaktionen moderner politi­scher Subjekte sind er­schöpft[4].

Sozial- und Politiktheorien stehen vor dem Problem, wie das Besondere zu Wort kom­men kann in der Sprache der Wissenschaft, weil diese dem Besonderen das Wort nur dann erteilt, wenn es als ein Teil des schon bekannten Allgemeinen auftritt. Wenn nun das Besondere selbst, hier in Gestalt der Individualität und Politikfähigkeit von Menschen, in der Politologie wissenschaftlich untersucht werden soll, muß hier eine me­thodische Kehre durchgeführt werden, nämlich das Besondere als Besonderes in einer Analyse der subjektiven Fähigkeit zur Besonderung zu erörtern. Der wissenschaftliche Auftrag, allgemeine Gesetz­mäßig­keiten zu konstruieren, bleibt dadurch unberührt.
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[1]   Höffe, Otfried, Wiederbelebung im Seiteneinstieg, in: ders. (Hrsg.), 
       Der Mensch - ein politisches Tier? Essays zur politischen 
       Anthropologie, Stutt­gart 1992, S. 5-13, hier S. 9-10.
[2]   Vgl. hierzu als  Beispiel Simon Schamas Studie Citizen. 
       A Chronical of the French Revolution
, N.Y. 1989, die bewußt die
       Grenzen zwischen Literatur und Geschichte überschreitet. Den  
       Rückzug solcher handlungstheoretisch inspirierten Methoden in der
       Politikwissenschaft gegenüber funktio­nalistischen Ansätzen
       beschreibt Klaus v. Beyme ausführlich in Theorie der Politik
       im 20. Jahr­hundert. Von der Moderne zur Postmoderne
, F.a.M. 1991.
[3]   Münkler, Herfried, Die Moral der Politik. Politik, Politikwissenschaft
       und die sozio-moralische Dimension politischer Ordnung
, in:
       Leggewie, Claus, Wozu Politikwis­senschaft? Über das neue in der
       Politik
, Darmstadt 1994, S. 228-242, hier S. 238.
[5]   Münkler, ibid., macht dies anschaulich am Beispiel der Sprachlosigkeit
       der Poli­tikwis­senschaft an­gesichts der seit spätestens 1990
       öffentlich diskutierten "Politikverdrossenheit". Es gibt keinen
       fundierten und weiterführenden Beitrag von Politologen
       zu diesem Thema.
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                                                             II.

Es ist deutet sich schon an, daß ein solcher Ansatz ohne den Bewusstseins- und sogar den inzwischen wis­senschaftlich kaum noch akzeptierten Vernunftbegriff nicht auskommen wird. Dieser Rückgriff auf ein als überholt geltendes philosophisches Instrumen­tarium wird nicht im Gestus der theoretischen Verlegenheit ge­macht, sondern ist durchgehend affirmativ. Es soll versucht werden, die verschiedenen Arten des Denkvermögens und die Ge­stalten der Vernunft, wie Immanuel Kant sie in seinem kriti­schen System erar­beitet hat, im Laufe der Untersuchung und nach Maßgabe der jeweili­gen Frage­stellung an dem Material zu erproben, das uns als "politische Wirklichkeit" vertraut zu sein scheint. Eine Variation auf die Leitfrage könnte daher lauten: Wann, wo und auf welche Weise kann das historische Weltgeschehen als die Artikulation von individueller politischer Vernunft gedeu­tet werden und wie muss diese ihrerseits beschaffen sein?

Die Dominanz nach-metaphysischer Theorien, die alle subjektphilosophischen Be­mühun­gen für gescheitert halten, wird hier berücksichtigt.[1] Da aber noch niemand die Autorität hat, ein allgemeingültiges und letztes Metaphysik­verbot verbindlich zu machen, steht es weiterhin frei, mit dem schwie­rigen und voraus­setzungsvol­len Vernunftbegriff zumindest versuchsweise wichtige menschli­che Zu­sam­menhänge zu erklären. 

Vernunft ist bekanntermaßen keine empirisch wahrnehmbare oder experimentell nach­weisbare Substanz. Sie ist kein Gegenstand unter anderen in der physikali­schen Welt. Dennoch, so meinte Kant, sei die Annahme eines übersinnlichen Ver­mögens nützlich und sogar notwendig. Nur ein solcher focus imaginarius, der au­ßerhalb der sinnlich wahr­nehmbaren Welt liegt, macht nämlich die Ordnung der Welt erkennbar – und zugleich die verschiedenen Vermögen der Subjekte selbst, solche Ordnungen zu erkennen und zu schaffen. Die gedachten Linien des bekann­ten Weltwissens wurden in der Transzenden­talphilosophie über die physikalische Welt hinaus verlängert, um das Vermögen zu erfor­schen, das die Bedingungen zu die­sem Weltwissen enthält[2]. Kant wollte das Erkenntnisvermögen selbst erkennen, und zwar innerhalb dessen Gren­zen. Ganz ähnlich wird hier verfahren, denn es geht nicht darum, das substanti­vierte Politische wie ein Etikett als Ei­genschaft an Gegenständen oder Er­eignissen zu suchen. Vielmehr sollen die Linien über die empirische Welt hinaus zu dem Vermögen gezogen werden, das uns die Dinge der Welt als politisch erkennen und ver­stehen läßt. Dieses Vermögen nimmt die politische Qualität von Dingen und Er­eignissen nicht passiv in sich auf, sondern bringt diese erst hervor. Kant bezeich­nete diese Einsicht als eine "kopernikanische Wende". Der Grund der Erkenntnis des Objekts muß in der Erkenntnisfähigkeit des Subjekts untersucht wer­den. Die vorliegende Untersuchung wird versuchen, diesen Weg noch einmal fruchtbar zu machen für die politische Philosophie. Kants großes Werk über Ästhetik und Te­leolo­gie, die Kritik der Urteilskraft, wird dabei die Baustelle sein, auf der ein Fundament frei­zulegen ist, das der tragende Grund für eine neue Philosophie des Politischen sein wird.

Auf die Argumente, die bisher gegen eine weitere Verwendung der soge-nannten "Bewußtseinsphilosophie" oder "Subjektphilosophie" vorgebracht worden sind, wird in Kapitel 1.9 Hypostasen der Identität eingegangen. Es ist für die hier beabsichtigte Be­weisführung näm­lich nicht unerheblich in Erfahrung zu bringen, wie und warum dieser Weg bis­her ver­sperrt wurde. Es wird sich dabei zeigen, daß ein Konzept politischer Sub­jektivität keine der Errungen­schaften von Diskurs- und Systemtheorie in Frage stellt. Vielmehr wird die Ergänzungs­möglichkeit dieser beiden dominierenden An­sätze der Sozialtheorie in Be­tracht gezogen. Es geht darum, ein bisher häufig be­obachtetes Defizit an diesen beiden großen Theorie­gebäuden durch ihre Komplementierung auf einem neuen Grund zu behe­ben. Dem „Ich“ muß gegenüber dem „Wir“ eine neue und faire philosophische Chance gegeben werden.
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[1]  Vgl. Habermas, Jürgen, Nachmetaphysisches Denken.
      Philosophische Auf­sätze
, F. a. M. 1988. Der Begriff umfaßt über die 
      Diskurstheorie hinaus die gesamte analytische Philosophie, den    
      Struktura­lismus, die Systemtheorie, die philosophische Hermeneu­tik  
      und den Poststrukturalismus; vgl. hierzu dasSchema IV zur Genealogie
      der Subjektivitätstheorien in Kapitel B.1.9.
[2]  Vgl. die detaillierte und spannende Studie zu Kants perspektivisch-
      architektonischer Theorietechnik von Tassilo Eichberger,
      Die Architektur der Vernunft, Diss. 1996, München.
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                                                        III.

Die historische Beobachtung konzentriert sich auf Deutschland, weil der Prozeß dort die deutlichsten und tiefsten Spuren in der Literatur hinterlassen hat und sich zur systemati­schen Thematisierung anbietet. Keinesfalls ist das Deutschland des 18. Jahrhundert der Ursprung der politischen Moderne - bekanntermaßen ist eher das Gegenteil der Fall. In Deutschland sind die Elemente des Politischen, wie sie in der Trias vor­gestellt werden, wesentlich stärker in­tellektualisiert worden als anderswo. Anstatt Individualität, ästheti­sche Kompetenz und Öffentlichkeit durch die Tat zu verwirk­lichen wie in Nordamerika, haben die Deutschen viele tiefsinnige Traktate ge­schrieben. Das ist endlich einmal ein Vorteil, weil diese ab­strakte Vorgehens­weise nun doch einen Einblick gewährt in die Fä­higkeiten, die von denkenden Men­schen verlangt werden, um diese Dinge des Politischen in praxi hervor­zubrin­gen und auch zu ertragen. Deshalb ist die hier vorgestellte politische Trias eine ästhe­tisch reizvolle Figur und keinesfalls ein metaphysisches Zeichen, das in die deut­sche Geschichte eingeschrieben ist. Sie ist nur ein Zusammentreffen von Ereig­nis­sen, dessen ästhetische Gestalt gleichsam seine eigene systematische Darstellung er­fragt. Diese Ge­stalt drängt sich dem interpretierenden Verstand geradezu auf und ver­spricht, daß die Klarheit ihres Umrisses auch noch von einer Bedeutung be­wohnt wird, die schon lange auf eine ihr angemessene Hermeneutik wartet. 

Quentin Skinner hat seine große Studie The Foundations of Modern Political Thought in der Renaissance beginnen lassen. Es ist wohl auch unbestreitbar, daß die neuen Formen der Staatsklugheit (Machiavelli), der politischen Wissenschaft (Hobbes) und der Kon­trolle religiöser Konflikte (Toleranz, Souveränität) seit dem 16. Jahrhundert auf dem Vormarsch waren. Doch die Frage nach der politischen Subjektivität ist noch einmal et­was ganz anderes als die Frage nach der Genese die­ser Ordnungskonzepte, die zur gefäl­ligen Nachahmung und Inspiration für welt­liche wie geistliche Fürsten entwickelt wur­den, um ihre Staatsmaschinerien besser beherrschbar zu machen. Darin wirkt immer noch der alte, restriktive Sinn von Politik als Herrschaft mittels Tugendhaftigkeit, Gesetz und gegebenen­falls List. Die politische Trias, die hier beschrieben wird, entfaltet sich daher im 18. Jahr­hundert, weil erst zwischen den bürgerlichen Revolutionen der Rahmen einer poli­ti­schen Moderne geformt wurde, in dem auch die vorausgegangenen Errungen­schaften der Renaissance und der Religionskriege wirksam eingespannt und von bürger­lichen politischen Subjekten verwirklicht werden konnten. Es geht also um die philoso­phische Analyse eines Denkvermögens, das den Übergang vom Untertan zum Bürger begleitet haben muss.

Nach der sozialen Aufhebung der Arbeiterklasse einiger Industrienationen in einer er­weiterten Mittelschicht halten dort nun insbesondere Frauen die Erinnerung daran leben­dig, wie steil der Weg zur historischen Realisierung ihrer politischen Subjektivität war – ein Weg, der vielerorts in der Welt auch heute noch nicht be­schritten ist. Im 18. Jahrhun­dert kündigte sich dieser Aufbruch erst sehr vorsichtig an, womit nicht etwa der Katalog der Frauenrechte von Olymp de Gouges gemeint ist, son­dern nur das sich ausbreitende konkrete Recht von Frauen, die Wahl des Ehepart­ners mitzu-bestimmen. Deshalb wird im historischen Teil bezüglich der politischen Subjektivität auch nicht eigens auf die Ge­chlechterdifferenz eingegangen, obgleich das natürlich eine wichtige Fragestellung wäre. Die Verzögerungen in diesem Bereich sind den streng patriarchalen Lebensformen und den politischen Subjekten geschuldet, die ihre gerade erst entdeckte Bürgerlichkeit als Form universeller Menschheit im Individuum noch mit ihrer männlichen Geschlechtsnatur über­identifizierten. Dieser Komplex gehört zu den Themen der historischen und philoso­phi­schen Frauenforschung, der hier nicht vorgegriffen werden soll.

                                                         IV.

Für den Gang der Untersuchung wird zuerst eine Unterscheidung vorge-schlagen, die eine gewisse Orientierung in der Fülle des Materials ermöglichen soll. In der gängigen Terminologie der deutschen Politikwissenschaft wird bei der Unterscheidung von "politischer Theo­rie" und "politischer Philoso­phie" letztere in der Regel mit normativer Politiktheorie gleichge-setzt, also wie Politik sein soll.[1] Hier wird politi­sche Philosophie allerdings auf andere Weise von der politi­schen Theorie getrennt werden, nämlich als Grundlagenforschung. Die politische Philo­sophie erforscht in der hier angewandten Definition ausschließlich die Grundlagen politi­scher Subjekti­vität; die politi­sche Theorie bearbeitet diese Form von Subjektivität dage­gen erst im ag­gregierten Zustand konkreter gesellschaftlicher Interaktion und Ordnung. Die idealtypische Differenz wird postuliert, damit im Laufe der Unter­suchung um so deutlicher ge­zeigt werden kann, wie sehr und auf welche Weise jede Theorie der Philosophie verpflichtet ist. Mit der Unterscheidung von politischer Philoso­phie und Theorie ist noch eine weitere Abgrenzung beab­sich­tigt. Es geht darum, das Vorhaben vor der in Deutschland, wie bereits erwähnt, häufig anzutreffen­den Identifi­kation von politischer und praktischer Philosophie zu bewahren. Prakti­sche Philosophie behandelt nämlich die subjektive Dimension (Philosophie als im­plizite Anthropologie) und die kollektive Dimension des Politischen (Theorie als gesellschaftliche Wertelehre des guten Lebens) auf derselben Ebene und führt wegen dieses Mangels an Ausdifferenzierung zu Kurzschlüssen. Deutliche Anzeichen für solche Defekte sind die unvermittelten Übergänge von moral- zu rechtsphilosophischen Problemen in Abhandlungen, die sich selbst im Bereich der praktischen Philosophie verankert sehen[2]. Die Ähnlichkeit von moralischer und rechtlicher Denkungsart – sofern sie als von der Philosophie be­stimmt zu betrachten sind – hat in der abendländischen Theoriege­schichte dazu verführt, beim Übergang von der Moral zum Recht immer ein wichtiges Stadium zu überspringen. Damit wird einer Intuition von Hannah Arendt gefolgt. An Karl Jaspers schrieb sie einmal: 

"Nun habe ich den Verdacht, daß die Philosophie an dieser Bescherung [die Überflüssig­ma­chung des Menschen als Menschen] nicht ganz unschuldig ist [...]...in dem Sinne, daß diese abendlän­dische Philosophie nie einen reinen Begriff des Politischen gehabt hat und auch nicht haben konnte, weil sie notgedrungen von dem Menschen sprach und die Tatsache der Pluralität ne­benbei behan­delte."[3] 

In der Regel wird unter politischer Philosophie vor allem die normative Fragestel­lung des "Wie sollen wir zusammen leben?" verstanden. Doch genau diese Frage­stellung muß hier vermieden werden, weil sie zu viel voraussetzt und immer auf die Ordnung bereits organisierter politischer Subjekte zielt. Sobald die politischen Urteile in diesen Horizont des "Wir" eintauchen, verschwin­det das "Ich"[4]. Diese Momente, in de­nen es aber noch ganz vital ist und mit sich selbst kämpft, um sich zu einem Urteil durch­zu­ringen, werden hier beobachtet. Im normativ strukturierten Diskurs spricht das Sub­jekt bereits unter der Forderung des "wir müssen" und "wir sollen". Politische Subjekti­vität dagegen ist das Aufblit­zen des frechen "Ich will – und die anderen sollen!" im Ur­teilen. Da es also nur um das politische Subjekt als Individuum geht, möchte ich inner­halb die­ser Unter­suchung den Begriff der politischen Philosophie völlig normfrei ver­standen wis­sen. Das Konzept politischer Subjektivität ist ein Versuch, die politischen Kompe­tenz im Individuum auf deskriptive Weise zu erörtern. Das Folgende ist also keine Stellungnahme für oder gegen Demokratie, Liberalismus, Kommuni­taris­mus, auto­ritäre Herrschaft, progressive oder konservative Politik oder sonstige politische Lebens- und Regierungsformen. Das wären immer schon theoretische Modelle, in denen Indivi­duen aggregiert unter bestimmten Ordnungs­schemata vor­gestellt werden. Von die­sen Aggregaten wird hier abstrahiert, erstens um dem regulativen Wissenschaftsideal im Wertfreiheitspostulat so gut wie möglich zu entsprechen, zweitens um die allgemeine politische Kompetenz (als Untertan, Bürger, Wähler, Familien­mitglied, Arbeitneh­mer, Mandatsträger oder politischer Führer) zu erfor­schen. Man muß zu diesem Zweck zum Individuum zurückkehren und dann erst einmal klären, wie der Über­gang von einem all­gemeinen Subjekt der politischen Denk­formen zum Individuum gestaltet ist, d. h., was das Subjekt zum Individuum macht, um von dort aus weiter zu fragen. Aus diesem Grund nimmt die Erörterung des Individua­lismus im histori­schen Teil der Untersuchung größten Raum ein. Und aus demselben Grund empfiehlt sich die Unterscheidung von politischer Theo­rie (Ordnung) und politi­scher Philosophie (Subjekt), weil nur letztere hier von Interesse sein wird.

Die vorzunehmende Distanzierung von der praktischen Philosophie soll nicht bedeuten, daß Moral nichts mit Politik zu tun habe, wie einige Dezisionisten und Systemtheoretiker ohne zu zögern bestätigen würden. Das Verhältnis von Morali­tät und Politizität, d. h. von moralischer und politischer Urteils-fähigkeit, muß vielmehr in seinem Gehalt an Diffe­renzen sehr genau untersucht werden, damit die Bedeutung der Moral für die Politik neu und even-tuell besser buchstabiert werden kann. Die ent­scheidende Voraussetzung hierfür ist die Abstinenz von jeglichen normativen Vor­gaben in der Analyse. Zu schnell würde sonst hieraus ein erbaulicher Katalog poli­tischer Wünsche. Der gelegentliche Blick auf das "krumme Holz der Menschheit" (Kant) und auf die "Schlachtbank der Geschichte" (Hegel) genügt, um den Rausch der moralischen Phantasie im Politischen auszunüchtern. Es wird hier keine "neue Politik" vorgestellt oder gesucht, kein normatives Postulat er­hoben. Vielmehr soll eine kulturelle Leistung der Moderne als kognitive Leistung der In­dividuen einsehbar gemacht werden.
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[1]   Vgl. Beyme, Klaus von, Die politischen Theorien der Gegenwart,
       6. überar­beitete und ergänzte Auflage, München 1986.
       Beyme verwendet den Begriff Philosophie nur im Zusammenhang der
       "praktischen Philosophie". Die Grundlagen der politischen Theorie
       nennt er "Metatheorien" oder "Wissenschaftstheorien". In seiner
       neueren Studie Theorie der Politik im 2o. Jahrhundert, a.a.O., wird
       politische Philosophie nur noch mit einer „Minderheitenposition“ von
       Autoren innerhalb der Politikwissenschaft identifiziert, die sich mit den
       Sollensgründen von Politik und Ordnung be­schäftigen.
[2]   Beispielsweise Brunkhorst, Hauke, Demokratie und Differenz.
       Vom klassi­schen zum modernen Be­griff des Politischen
, F. a. M.
       1994; noch deutlicher, auch wenn der moralphilosophische Ansatz
       prozeduralisiert ist: Habermas, Jürgen, Faktizität und Geltung, F. a. M.
       1992 (vgl. hier Kapitel B.2.2 und B.3.1).
[3]   Brief an Karl Jaspers vom 4. März 1951, in: Hannah Arendt und Karl
       Jaspers. Briefwechsel
, hrsg. von Lotte Köhler und Hans Saner,
       München-Zürich 1985, S. 353. In dieser Wahrnehmung liegt vielleicht
       auch der Grund für Arendts lebenslange Weigerung, als politische
       Philosophin zu gelten. Sie sah sich entsprechend dem Titel ihres
       amerikanischen Lehrstuhls als politische Theoreti­kerin.
[4]   Vgl. Ulrich Becks programmatischen Artikel, Ohne Ich kein Wir,
       in: Die Zeit, 23.8.1996, S. 10.
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                                                        V.

In der Ästhetik, so hat es bereits Cassirer gesehen, wurde das philoso-phische Hauptpro­blem des 18. Jahrhunderts thematisiert.[1] Alle bedeutenden Denker der Aufklärung be­schäftigten sich mit Ästhetik, im extensiven Sinn als Geschmacks­lehre oder eingeschränkt als Lehre des Kunstschönen. Sie hat mit Kants Kritik der Urteilskraft – wiederum eine Beobachtung Cassirers – ihre "definitive Form erhal­ten"[2]. In dieser Form der philosophi­schen Geschmackslehre soll hier die Vermitt­lung von Individu-alität und Öffentlichkeit, von Philosophie und Theorie, von Eigenwelt und Sozialität gesucht werden. Das Ver­hältnis von Politik und Ästhetik gehört in theoretischer wie empirischer Hinsicht immer noch zur terra incognita der Sozialwissenschaften.[3] Genau dieser Übergang, der bisher in einem restriktiven, auf Naturschönheit, Erhabenheit und Geschmackskultur be­schränkten Sinn als ästhetisches Verhältnis bezeichnet wurde, soll hier als "erweiterte Den­kungsart" in seiner genuin politischen Dimension erschlossen werden. Hannah Arendt beschäftigte seit ihrem Kant-Studium in den frühen fünfziger Jahren ein entschei­dender Gedanke. In Kants Kritik der Urteilskraft, so meinte sie, sei ein Organ der Ver­nunft gegeben, das Singularität (des Ich) und Pluralität (der Menschheit) zusammen den­ken kann, nämlich die reflektierende Urteilskraft.

Auf der Grundlage des historischen und philosophischen Materials wird gezeigt, wie diese reflektierende Urteilskraft und ihre subjektiven Bedingungen tatsächlich eine neue, nämlich eine politi­sche Qualität als Produkt hervorbringen, das im Reflektionsurteil über öffentliche Ord­nung besteht. Dieses Produkt wird mit seinen einzelnen Bestandteilen und als Ganzes einer philosophischen Prüfung seiner Berechtigung unterzogen. Der Begriff der Öffentlichkeit wird hierbei nicht vorausgesetzt, sondern erst problematisch einge­führt. Das in der philosophischen Analyse darstellbare Realitätskontinuum von Öffentlichkeit ist nämlich wesentlich weiter gespannt als das der bisherigen Öffentlich­keitstheorien. Öffent­lichkeit wird sich dabei als ein Medium erweisen, das durch Hand­lungen des Den­kens, nämlich durch Urteile, geschaffen wird. In ähnlicher Weise müssen die Begriffe "Ordnung", "Individualität", "Macht", "Recht" usw. erst einmal subjektiv begründet wer­den, bis sie ihren Platz im politischen Urteil ein-nehmen dürfen. Der Weg bis zu diesen Kernthesen ist sehr beschwerlich, doch sie würden für sich selbst genom­men unverständ­lich bleiben. Das Problem politi­scher Subjektivität ist außerordent­lich komplex und erfordert eine ihm angemes­sene und daher philosophisch anspruchs­volle Behandlung. Der Umfang der Untersuchung ist daher im wesentlichen der historisch-lite­rarischen Einbettung des an sich formalen Kerngedankens geschuldet. Insbesondere der gesamte historische Teil A ist das Resultat der Bemühungen, den philosophischen Tiefen­schichten des Problems eine sicht­bare Gestalt in Form ihrer historischen Genese zu ge­ben. Im Zuge der späteren Analysen wird dementsprechend eine kulturgeschichtliche Theorie der Genese von Politik formu­liert, die einen notwendigen Zusammenhang von Individualität, Öffentlichkeit, Ge­schmackswahrheit und politischem Urteil postuliert. Wenn hier schon methodisch die Entstehung und Evolution der sub­jektiven Form des Poli­tischen zur Grundlage genommen wird, dann muß irgend­wann auch eine theoreti­sche Erklärung dieser politischen Emergenz und Evolution die hier ange­strengte Darstellung rückversichern (vgl. Kapitel B.2.2).
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[1]    Vgl. Cassirer, Ernst, Die Philosophie der Aufklärung, Tübingen 1932,
        3. Aufl. 1977.
[2]    ibid., S. 352.
[3]    So Andreas Dörner in seiner ausgezeichneten Studie Politischer
        Mythos und symbo­lische Politik. Sinnstiftung durch symbolische
        Formen am Beispiel des Hermanns­mythos
, Opladen 1995, S. 13.
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                                                           VI.

Ernst Vollrath, Schüler und Mitverwalter des intellektuellen Erbes von Hannah Arendt, hat das Projekt einer eigenständigen politischen Philosophie aus Kants Konzept der re­flektierenden Urteilskraft als erster näher bestimmt. Im Titel seiner Grundlegung ei­ner philosophischen Theorie des Politischen zieht er interes­santerweise "Philosophie" und "Theorie" zusammen. Doch in der Abhandlung gelingt es ihm nicht, den Unterschied zwischen den Begriffen so anzusetzen und zu artikulieren, daß ihre Verbindung in einem gemeinsamen Ausdruck sinnvoll oder sogar fruchtbar erscheint. Ebensowenig wird klar, was der sich auf dieser Grundlage abzeichnende Begriff des Politischen eigentlich leisten könnte. Vollraths Abgrenzung des neuen Begriffs gegen die lange Reihe von Politikbe­griffen aus der französischen, angelsächsischen und deutschen Tradition ist - so interes­sant diese Überlegungen im Einzelnen sein mögen - zu stark auf die Ablehnung der deut­schen Staatstheorien konzentriert, die den Politikbegriff hegemonial beherrschen oder zumindest beherrscht haben. Dagegen zeichnet sich in der Grundlegung nirgends ab, welche positive und konkrete Anwendung das entdeckte Urteilsvermögen in Aussicht stellt. Der philosophische Impuls wird ganz von dem ehrwürdigen libera­len Ehrgeiz ab­sorbiert, Abwehrrechte und Abwehrtheorien gegen Übergriffe einer freiheitsbedrohlich vorgestellten Staatssphäre (der seiner Meinung nach allerdings auch Habermas' Lebens­welt zuzurechnen sei) auf das Individuum in Stellung zu bringen. Der wichtige Begriff der Ordnung beispielsweise, der hier zu einem Grundbegriff elementarisiert wird, spielt bei Vollrath noch gar keine Rolle. Er meint zwar, die reflektierende Urteilskraft sei das Vermögen, politisch zu denken. Das ist richtig. Doch worüber reflektiert sie denn außer über die eigene, individuelle Befindlichkeit? Über Ord­nungen, die sie zu diesem Zweck erkennen oder erfinden muß, und über die Position des Individuums in bzw. relativ zu diesen gedachten Ordnungen. 

Ein weiterer Autor, der französische Philosoph und Essayist Luc Ferry, hat in sei­nem Buch Homo aestheticus[1] die europäische Geschichte der Subjektivität entlang ihrer Brüche zu schreiben versucht. Auch für ihn, der damit sein Pro­gramm eines "nicht-meta­physischen Humanismus" weiterführt, ist Kants Kritik der Urteilskraft der Scheitelpunkt und Schlußstein eines über hundert Jahre andauern­den philosophischen Ringens um ein Konzept der Subjektivität, worin menschliche Endlichkeit (Sinnlichkeit, Körperlichkeit, Zeitlichkeit, Geschichtlichkeit und Sterb­lichkeit) und Unendlichkeit (der Ideen von Seele, Welt, Freiheit und Vernunft selbst) gleichermaßen ihren systematischen Platz finden kön­nen. Ferry entwickelt das Thema anhand der systematischen Ästhetik im 18. Jahrhundert und spannt den Bogen über Kant, Hegel und Nietzsche bis zum Niedergang der Avant­garden in Kunst und Politik des 20. Jahrhunderts. So grundlegend dieses Buch für die vorlie­gende Untersuchung war und so interessant die Thesen und Interpretationen an sich sind, kann doch nicht geleugnet werden, daß einige Kritiker zu Recht be­merkten, der Untertitel, nämlich Die Erfindung des Geschmacks im Zeitalter der Demokratie, sei ir­reführend, weil kein sozialgeschichtliches oder -theoretisches Material mit der Frage der Geschmackstheorie im 18. Jahrhundert verbunden wird [2]

Eine weitere Expedition in die bisher wenig erforschten Grundlagen des politi­schen Ur­teils hat der Amerikaner Peter J. Steinberger unternommen [3]. Er hielt sich dabei aber ganz an die Klassiker der politischen Philosophie seit Platon und er­sparte sich die Mühe, seine Thesen in einem sozialwissen-schaftlich gesättigten Feld zu entwickeln und dort eventuell gleich zu erproben. Dabei setzte er in seiner Fra­gestellung so viele Faktoren als bekannt voraus, daß seine Antwort keinen ersicht­lichen Er­kenntnisgewinn brachte. Ganz auf die logische Form des Urteils fixiert, kam er nicht auf die Idee, die Begriffe "politisches Subjekt", "Ordnung" oder wenigsten "Politik" als Unbekannte zu behandeln, damit seine Gleichung etwas zu leisten gehabt hätte. Zwar hat Steinberger interessantes Material zur Frage-stellung in den Texten gesammelt, aber er hat keine Instrumente ge­funden, um dieses Material zum Spre­chen zu bringen [4] Daher erscheint es um so wichti­ger, gerade die Ele­mentarbe­griffe der politischen Philosophie zum Problem zu machen.

Politische Subjek­tivität ist also ein schon seit längerem bekanntes Problem der po­liti­schen Philosophie, auch wenn es bisher nicht ausdrücklich unter diesem Titel behandelt wurde. Das ist eine gute Gelegenheit, eine allge-meine Erklä­rung abzuge­ben, welchen Autoren ich mich besonders ver-pflichtet fühle und denen ich zu dan­ken habe. Ich möchte diese Studie verstanden wissen als in der Tradition der Arbeiten von Hannah Arendt, Ernst Vollrath, Luc Ferry und Alain Renaut stehend. Sie verdankt diesen Autoren we­sentliche Einsichten, Impulse und Inspira­tionen und versteht sich als Fortführung und Vertiefung ihrer Ansätze. Dazu muß eine solche Untersuchung allerdings gleichermaßen im systematisch-philosophischen Ansatz wie auch in der Empi­rie ihr Fun­dament verbrei­tern und festigen. Bei aller Kritik an den Vorarbeiten dieser Auto­ren, die ich dabei gele­gentlich vorbringen werde, sei immer daran erinnert, daß ihnen das Verdienst zukommt, den ersten philosophischen Grundriß politischer Subjektivität freige­legt zu haben.
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[1]   Ferry, Luc, Homo aestheticus. L'invention du goût à l'âge
       démocratique
, Paris 1990. [dt. Der Mensch als Ästhet.
       Die Erfindung des Geschmacks im Zeit­alter der Demo­kratie
,
       Stuttgart 1992].
[2]   Vgl. Früchtl, Josef, Ästhetischer Humanismus, in: Süddeutsche
       Zeitung, 6.11.1992.
[3]   Steinberger, Peter J., The Concept of Political Judgement,
       Chicago u. London 1993.
[4]   Der Hauptmangel liegt in der Unterschätzung der Kantischen
       Philosophie, ins­beson­dere der Kritik der Urteilskraft. Diese bezeichnet
       Steinberger zwar zu­treffend als den Höhepunkt der Urteilsanaly­sen,
       sieht sie aber als gescheitert an – aus Gründen, mit deren Vortrag
       schon Schopenhauer demon­strierte, daß er die dritte Kritik nicht
       verstanden hat.
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                                                        VII.

Für den am sozialwissenschaftlichen Funktionalismus oder an der Kommuni-ka­tions­theo­rie geschulten Verstand wird hier, wie schon erwähnt, in ungewohnter Weise die ältere Form der Bewußtseinstheorie, unter Berücksichtigung bisher zu wenig gewürdigter Texte, mit der Sozialgeschichte kurzgeschlossen. Es soll ver­sucht werden, den Hypothe­ken der Ansätze sprachlich performativ sich entfalten­der Intersubjektivität (Habermas) genauso auszuweichen wie dem neueren sozial­wissenschaftlichen Funktionalismus. Letzterer hat den Bezug auf das übersinnliche Subjekt des Idealismus aus der Sozialtheo­rie hinauskatapultiert, weil eine ausrei­chend anspruchsvolle Handlungstheorie des Ver­nunftsubjekts bisher nicht erbracht werden konnte. Das ist eine theoretische Grundent­scheidung, auf der insbesondere die Systemtheorie von Niklas Luhmann aufgebaut ist. Sein Ansatz sieht von den metaphysischen Spekulationen über das Vernunftsubjekt ab, weil sie zu viele Pro­bleme im Forschungsprozess und in der Theoriebildung aufwerfen. Luhmann hat vermutet, daß die Probleme der Subjekttheorie mit "einem zu unspezifi­schen Be­griff der Reflexion" zusammenhängen.[1]

Die Systemtheorie hat konsequenter­weise Abschied vom „alteuropäischen Subjekt“ genommen, um freie Bahn für neue Expe­ditionen der Sozialtheorie zu gewinnen. Das ist legitim und hat sich als ein sehr fruchtba­rer Ansatz erwiesen. Dagegen muß die Politikwissenschaft das Geheimnis der Subjek-tivität und die damit einhergehenden Pro­bleme der Individualität und Personalität weiter erforschen. Und ihr desolater Zustand an der Grenze der Bedeutungslosigkeit hängt damit zusammen, daß sie genau das nicht getan hat. Der we­sentliche Mangel an Gründ­lichkeit in der Politikwissenschaft liegt darin, daß sie bisher keine Lehre der Elementarbegriffe wie "Sinn" und "Handeln" entwickelt hat, wie Weber und Luh­mann es für die (verstehende und funktionalistische) Soziologie taten. Gewisser­maßen ist das jetzt vorzustel­lende Konzept der politischen Subjektivität vielleicht die erste Chance der Polito­logie, doch noch zu einer eigenen Reflexionsbegrifflichkeit und zu einer Ele­mentar­lehre zu kommen. In der Soziologie ist beispielsweise die Geltungschance legiti­mer Ordnung bereits mit der Definition des Ordnungsbegriffes reguliert. In der po­liti­schen Philosophie müßte dagegen die Definition selbst erst einmal das Problem sein. Auf diese Weise werden im Teil B der Untersuchung einige Begriffe in Position gebracht, auf die anschei­nend alle politischen Urteilshandlun­gen zurückgeführt werden können. Es soll sich also niemand wundern, wenn einige üblicherweise für elementar gehal­tenen Begriffe wie "Herrschaft" und "Staat" praktisch überhaupt nicht berücksich­tigt werden, denn diese sind immer schon aggregierte Konzepte, die vieles unarti­kuliert voraussetzen, was in einer philoso­phischen Untersuchung politischer Sub­jektivität erst geklärt wird. Ebenso wird hier von der Staats- und Rechtsphilosophie Kants abgesehen, die völlig in Abhän­gigkeit seiner praktischen Philosophie steht und letztlich auf dem Pflichtbegriff  aufbaut. Auf diesem Weg gelangt man immer wieder zum normativ-politischen Sollen der Sub­jekte, wogegen die vorliegende Untersuchung das kognitiv-politische Können der Indivi­duen zum Gegenstand hat.   

Politische Subjektivität wurde und wird immer noch in einem Lernprozess erwor­ben, der einige Kulturen auszeichnet. Sie ist kein angeborenes Vermögen, sondern eine extrem voraussetzungsvolle Erfindung der menschlichen Gattung. Sie realisiert sich nicht überall und zu jeder Zeit, sondern sie muß gewollt, gefördert und ver­mittelt werden. Politische Subjektivität zu verweigern oder abzuerziehen ist wesentlich einfacher als sie erfolgreich zu unterrichten. Sie braucht immer Vorbil­der, aber auch einen zumindest intuitiven Ein­blick in die Funktion dessen, was sie eigentlich ausmacht: das politische Urteil. Sie ist nicht nur heilbringender Segen, Glücksgarantin und exklusiver Grund zu aufklärerischem Enthusiasmus, sondern auch eine Zumutung, eine Last. Sie ist der Preis, der zu zahlen ist für den Ausgang aus der Untertänigkeit in die Bürgerschaft. Politische Subjektivität er­zeugt mitun­ter den bitteren Geschmack des Wissens um die unheilbare Unvollkommen­heit der Welt. Sie ist eine Erinnerung an die schlecht vernarbte Wunde des Theodizee­problems – mit der Verschärfung, daß säkularisierte Menschen gar nicht mehr auf die entlastende Idee kommen können, ein höheres Wesen für die Unordnung in der Welt verantwortlich zu machen. Politische Subjektivität ist eine Totalitätszu­mutung, denn je­dem Individuum wird ein Gesamtentwurf für soziale und geistige Ordnung abverlangt, worin es sich selbst mitreflektiert. Diese Entwürfe müssen sich in einer Umwelt bewäh­ren, deren Komplexität ständig wächst und kognitiv immer schwieriger zu bewältigen ist.
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[1]  Habermas, Jürgen u. Luhmann, Niklas, Theorie der Gesellschaft oder
      Sozial­techno­logie
, F.a.M 1971, S. 27. Vgl. ebenso Luhmann, Niklas,
      Weltkunst, in: ders. (Hrsg.) Unbeobachtbare Welten. Über Kunst und
      Architektur
, Bielefeld 1990, S. 11-12: "Man kann die Reflexionsbegriff-
      lichkeit des Deutschen Idea­lismus und der Romantik als ein erstes
      Experiment mit einem unterschei­dungsge­leiteten Beobachten ansehen
      und historisch darin die Semantik einer Übergangsperiode erkennen.
      Trotzdem, und gerade deshalb, muss die Anders­artigkeit der Begriffs- 
      reihe Unterscheidung-Bezeich­nung-Form-Beobachtung-Beschreibung
      betont werden. Wir knüpfen nicht an einen Reflexionsbe­griff an, der
      vom Bewußtsein ausgeht und deshalb das Problem der In­tentionalität,
      der Selbst-Ver­gegenständlichung, der immer nur sekundären Entzwei-
      ­ung von Selbst als Subjekt und Selbst als Objekt und der daran nun
      anknüpfenden Synthesen nicht los wird. Theoretisch zumindest ist es
      der Bewußtseinsphilo­sophie nicht gelungen, obwohl solche Absichten
      erkennbar werden, Differenz als Erstes und Letztes zu begreifen." An
      dieser Stelle verweist Luhmann auf Dieter Henrichs be­rühmte Studie,
      Fichtes ursprüngliche Einsicht, F. a. M. 1967.
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                                                     VIII.

Das philosophische Schema politischer Subjektivität hat äußerlich Ähnlichkeit mit einer Art politischer Indivi­dualpsychologie haben. Der wesentli­che Unterschied liegt darin, daß keine Triebmuster oder andere psychosomatische Kausal­ketten zu knüpfen sind, sondern ein Urteilsver-mögen analysiert wird, das einem Gesamt­system von Denkvermögen zuzurechnen ist, welches wir umgangssprachlich "Vernunft" nennen. Wie Kants Kritik der Urteilskraft basiert auch das aus ihr hier abgeleitete Modell politischer Subjektivität auf einer Analyse der Funktionen von Begriffen und nicht von sublimierten Trie­ben, Bedürfnissen und den aus ihnen folgenden Konflikten. Denn die Psychologie geht bei aller Verfeinerung von soma-tischen Zuständen und Ereignissen aus. Dement­sprechend erhebt die Neuro­physiologie immer größere Ansprüche darauf, als einzige über die wirkliche Lösung psychischer und psychologischer Probleme zu verfü­gen. Kant hat sich zu dieser Unter­scheidung von Philosophie und (der ihm damals be­kannten) Psy­chologie geäußert und dieser die Ehre belassen, das mühsame Geschäft der Sammlung von interes­santen Einzelfällen gründlich zu erledigen wie etwa Edmund Burke in seiner Schrift A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beauti­ful (1756). Was also im Denken des Subjekts als Individuum erforscht wird, gehört kei­neswegs notwendigerweise zur Psychologie (KdU, Erste Einleitung, S. 52-53). Ein wichtiges Anschlußthema ist dagegen die Frage nach der politischen Kognition bzw. nach der kognitiven politischen Kompetenz (Kapitel B.3.2)

Die neuzeitliche Erfindung von Individualität kann beispielsweise als sozial-psycho­logische Erscheinung nur in sehr reduzierter Form beschrieben werden. In modernen Ge­sellschaften ist die Erforschung der Individualität aber eine Art der Thematisie­rung der eigenen, grund­legenden Voraussetz-ungen. "Der moderne Begriff des Individu­ums gehört mithin in eine Gesell-schaft, die sich dadurch aufgefordert sehen könnte, sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen" folgert Niklas Luhmann, nachdem er die Bestandsaufnahme der unzurei­chenden theoretischen Würdigung des Problems abgeschlossen hat: 

„Nach Jahren der De-Thematisierung ... scheint zwar eine Re-Themati­sie­rung des Individuums anzulaufen [Literaturhinweise zu Ulrich Beck]; aber die Klassiker des Faches [Soziologie] kön­nen dabei kaum weiterhelfen: Sie hatten sich mit dem split paradigm personale/soziale Identität oder mit oberflächlichen Anleihen bei der Transzendentalphilosophie, mit dem Wort Subjekt begnügt und nie Tiefen­bohrungen in Richtung Individualität unter­nommen.“[1]

Mit der Untersu­chung dieses Phänomens als besonderer Systemleistung und als Steige­rungsmoment von gesellschaftlicher Komplexität, oder als Sprachleistung und Individu­ierung mittels intersubjektiv in Sprechakten verschachtelter Geltungs­ansprüche können brauchbare und doch sehr unterschiedliche Resultate erzielt werden[2].Schließlich steht noch der Weg offen, Individualität und politische Subjektivität als Urteilsleistung und Verwirklichung eines besonderen menschli­chen Denkvermö­gens zu analysieren. Das "Wort Subjekt" wurde zugestandenermaßen häufig naiv benutzt. Deshalb be­steht die Aufgabe der Untersuchung unter anderem darin, den "Begriff" dieses transzen­dentalphilo­sophisch hypostasierten Subjekts neu zu bestimmen - aber nicht gegen Kant, son­dern gegen die Anmaßun­gen der Kommentatoren (Kapitel B.1.9). Die These von der Wirkung der Vernunft in der Ge­schichte mittels des reflektierenden Ur­teils wird damit auf ganz unhegelianische Art als Instrument zur Einsicht in den philo­sophischen Grund des Politischen die­nen. 

Die politische Philoso­phie sollte die Praxis des Optikers sein, der versucht, die begriffli­chen Gläser für eine theoretische Brille zu schleifen, mit deren Hilfe das geistige Auge in diesen Grund blicken und erkennen kann, was das Politische ist [3]. Dabei wird sich her­ausstellen, daß das Individuum jederzeit ein polyzentrisches Gebilde qualitativ verschie­dener Subjekte ist. Die sich als „kritisch“ verstehende Rede vom „Monologismus des Subjekts“ kann dann als unzulässige Vereinfachung an ihre Autoren zurückgereicht werden (vgl. Schema III).

Die Untersuchung ist deshalb auch als ein Stück "Wiederverzauberung der Welt" zu ver­stehen - allerdings nicht mit den Hilfsmitteln des Mythos, sondern indem mit dieser neuen philosophischen Optik die Exotik der Gegenwart in ihrer sagenhaften Komplexität deut­lich erkannt und bewundert werden kann. All die Bedingungen, die zur Ermöglichung unserer Lebensform zusammenschießen mußten, und all die Leistungen, die wir Tag für Tag denkend, nachdenkend und sprechend erbringen müssen, um diese Form zu erhalten oder gar weiterzuentwickeln, lassen es beinahe als ein Wunder erscheinen, daß all dies tatsächlich geschieht. Es geht also auch darum, die Dimensionen des gewachsenen politi­schen Kosmos neu zu vermessen und erfahrbar zu machen. Und zwar nicht nur in der reinen Spekulation, sondern in der Darstellung der mannigfaltigen Verbindungen, die bis­her in der traditionellen Politikwissenschaft einfach nicht wahrgenommen wurden, weil der Grundriß dieser Wissenschaft so unsicher war, daß ein gewisser Konservatismus der Vorsicht hegemonial herrschte. Doch die politische Kindheit der Welt ist längst zu Ende, und einige Regionen des Globus haben sogar schon ihre Jugend hinter sich. Dieser Ethos, durch den die Untersuchung motiviert ist, könnte eine sarkastische Beurteilung ermuti­gen, denn die po­litische Gegenwart als exotischer Gegenstand wird hier doch zu einem Zeitpunkt erwogen, an dem klar ist, daß die utopischen Abkürzungen in die Zukunft ver­sperrt sind und es könnte so aussehen, als ob wir uns nur faute de mieux zur Einübung eines naiv-positiven Denkens zurücklehnen um zu sehen, was wir eigentlich schon ge­schafft haben. Einge­sperrt in die Gegenwart tun wir so, könnten die Sarkasten behaup­ten, als sei es gemütlich und vielleicht sogar ganz interes­sant. Doch die Wahrheit ist viel einfacher. Denn nur die Erforschung des Bodens auf dem man gerade steht und der Zeit in der man lebt gibt neuen Ideen und Kräften Nahrung. Und wer es genauer betrachtet wird erkennen, daß die sich bescheiden gebende Würdigung des Präsens in mehr als nur einer Hinsicht über­raschend subversiv ist.
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[1]    Luhmann, Niklas, Individuum, Individualität, Individualismus, in: ders.
        Gesell­schaftsstruktur und Semantik, Studien zur Wissenssoziologie
        der mo­dernen Gesell­schaft
, Band 3, F. a. M. 1993, S. 149-258,
        hier S. 258, 219.
[2]    Vor allem das bisherige Hauptwerk von Jürgen Habermas, Theorie
        kommuni­kativen Handelns
, 2 Bände, F. a. M. 1981, bezeugt eine
        große Nähe zur Psy­chologie, denn sie stützt sich u. a. auf die
        Arbeiten von Freud, Piaget und Mead. Meads These von der Unerklär-
        barkeit der Ontogenese des psychischen Subjekts außerhalb eines
        so­zialen Kontextes spielt dabei eine zentrale Rolle.
[3]    Diesen schönen Gedanken findet man in der Theologie als Lösungs-
        versuch der pro­blematischen visio dei bei Nikolaus von Kues in seiner
        Schrift Über den Beryll, [1458] Hamburg 1987. Der Beryll ist ein
        geschliffener, durchsichtiger Stein, aus dem Kues für Mönche am
        Tegernsee eine (literarische) Brille schleift, die ihnen die coincidentia
        oppositorum, den Ursprung und die Einheit aller Differen­zen einsehbar
        macht, nämlich Gott.
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                                                        IX.

In der Regel werden in der Präsentation theoretischer Studien die Spuren ver­wischt, die während des Forschungsprozesses auf Abwege geführt hatten. So wird ein ganz logi­scher und kausaler Aufbau vorgestellt, der den Eindruck erweckt, anders könne man es sich gar nicht vorstellen. Hier sollen zumindest zwei überra­schende und wichtige Wen­dungen erwähnt wer­den, die während der Ausarbeitung des Konzepts politi­scher Subjekti-vität stattgefunden haben. Zum einen setzte sich der Begriff "politische Subjektivität" erst nach einiger Zeit und intensiver Arbeit gegen den Titel "Individualität und Öffent­lichkeit" durch, an dessen Leitfaden das Thema entwickelt werden sollte, weil ich die zwei in ihm zusammengezo­genen Begriffe wechsel­seitig ineinander enthalten glaubte. Das behaupte ich zwar immer noch, aber ich hatte lange Zeit keinen Punkt gefunden, in dem ich diese Überlegungen fokussieren, keinen Begriff, der diese neue Philosophie tragen konnte. Zum anderen ge­wann ich auch erst relativ spät die Einsicht, daß das politische Urteil gar nicht aus einem Guß ist, ja, daß es nicht einmal ein eigenes, ur­sprüngliches Prinzip hat, aus dem es her­geleitet werden kann. Ich ging vom Gegenteil aus und hatte mir vorgenommen, im Fun­dament von Kants reflektieren­dem Urteil einen eigenen Abschnitt freizu­legen, welcher ausschließlich der Kon­struktion politischer Ur­teile zugeordnet werden könnte. Das war ein Irrtum.


                                                                X.

Die Untersuchung besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil (A) wird die Entstehung der Trias im 18. Jahrhundert beschrieben, die sich zwischen den Eckpunkten Indivi­dualität, Ästhetik und Öffentlichkeit aufspannt. Zuerst geht es um (A.1) die Ent­wicklung der Indi­vidualität als historische und zugleich philosophische Dimension im Umfeld der bürgerli­chen Revolu-tionen. Darin liegt auch der Schwerpunkt des ersten Teils. Die (A.2) Ästhe­tik der Aufklärung mit ihren verschiedenen Schulen bietet in mehreren Punkten schon eine systematische Vertiefung der Individuali­tätstheoreme. Schließlich werden die (A.3) neuen sozialen Praktiken von Öffent­lichkeit dargestellt und die diesbezüglichen Forde­rungen in dieser Zeit von der gei­stesgeschichtlichen Seite her entschlüsselt. Diese Ver­schränkung von Geistes- und Sozialgeschichte soll die gesamte Untersuchung vor einem Übermaß an philo­sophi­scher Spekulation bewahren, ihr eine historische Basis geben und die anthro­pologi­sche Dimension offenhalten[1].

Im zweiten Teil (B) taucht die Expedition nämlich in das Innere eines der schwie­rigsten Werke der Philosophie. Dabei hält sie immer das Seil fest in der Hand, das sie zuvor in der empirischen Welt geflochten hat, um jederzeit in diese zurückzu­finden und ihre philo­sophischen Funde im Lichte der historischen oder aktuell erfahrbaren Realität zu betrachten. Nachdem das Werk vorgestellt ist (B.1.1-2), wird ein wichtiger Teil der Kantischen Methode, nämlich die Isolierung reiner Urteile, außer Kraft gesetzt und praktisch in eine Kontramethode umgekehrt (B.1.3). Dann wird gezeigt, wie das transzen­dentale Prinzip der Urteilskraft dafür sorgt, daß das politische Urteil Zugang zur sinnlichen Natur be­kommt, wodurch die Unterscheidung von Individuum und Ord­nung erst möglich wird (B.1.4). In den beiden folgenden Kapiteln wird der Kanti­sche Text nach dem Gebrauch des Individualitätsschemas befragt und eine Samm­lung aller politischen Motive und Bei­spiele angelegt (B.1.5-6), um mit diesen phi­losophischen und philologischen Ergebnissen ausgerüstet in das Zentrum der Fra­gestellung vorzudringen, die mit dem Problem politi­scher Subjektivität verbunden ist, nämlich zum politischen Urteil (B.1.7). Darin ist die Deduktion der formalen Einheit des politischen Urteils, die Analyse der verschiedenen Funktionen der re­flektierenden Urteilskraft in dem Urteil und die Erläuterung einiger sei­ner Struk­turmerkmale enthalten. Die Funktionen der Reflexionstypen Schönheit, Erha­be­nheit und Zweck bestehen in der subjektiven Konstruk-tion bestimmter Elementar­begriffe des Politischen. Die Untersuchung ist dann weit genug fortgeschritten, um die schwierige Beziehung zwischen Moral, Politik und Religion von einem neuen Standpunkt aus als ein Urteilsgefüge von Praxis, Reflexion und Glauben zu beurteilen (B.1.8). In dem darauf folgenden Exkurs wird versucht, das Konzept politischer Subjektivität im Verhältnis zu den bisherigen Identitäts- und Bewusstseinsphilo­sophien zu verorten (B.1.9). Um die philosophische Expedition wieder in die so­zialwissenschaftliche Realität zurückzuführen, wird das neue Konzept exemplarisch an Max Webers Charisma-Begriff erprobt (B.2.1-2) sowie in einem weiteren Ex­kurs mit ethnologischen Erkenntnissen und kulturtheoreti­schen Überlegungen konfrontiert (B.2.3). Abschließend werden thematische Anknüp­fungspunkte zu diversen wissenschaftlichen Disziplinen und Theorien erörtert (B.3).

Wer sich ohne Umwege mit der philosophischen Frage in abstracto beschäftigen möchte, kann den historischen Teil durchaus ignorieren und überspringen. Dieser hat vor allem eine propädeutische und plausibilisierende Funktion. Alles, was dort sozial- und theorie­geschichtlich untersucht wird, erscheint im zweiten Teil wieder als philosophisches Thema. Der Vorteil des historischen Abschnitts ist allerdings die Einübung eines schwie­rigen Gedankengangs mittels vielfacher Wiederholung am empirischen Material mitein­ander verknüpfter Sachgebiete. Die schwierige De­duktion des politischen Urteils und die Funktionen der in ihm enthaltenen Re­flex­ionstypen haben die größte Chance verstanden zu werden, wenn doch alle Vorbereitungen einigermaßen gründlich durchgearbeitet wor­den sind. Die Mühen bei der Lektüre dieser Untersuchung werden hoffentlich mit einem geschärften Sinn und einem tieferen Einblick in die Voraussetzungsfülle, die Verletzlich­keit und Be­drohtheit aller Kultur belohnt, die heute noch politisch genannt werden kann.
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[1]   Vgl. hierzu den ausgezeichneten Aufsatz von Thomas Nipperdey,
       Die anthro­pologi­sche Dimension der Geschichtswissenschaft
,
       in: ders., Gesellschaft, Kultur, Theo­rie. Gesammelte Aufsätze zur
       neueren Geschichte
, Göttingen 1976, S. 33-58.
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© Politische Subjektivität von Reginald Grünenberg